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FCZ - Thun 0:0
05.05.2007Super League 2006/2007


„Wenn ich schon 50 Franken bezahle, will ich sicher keine Tore sehen!“ Als ich mich eine Stunde vor Spielbeginn auf der Nordtribüne hinsetze – Sektor B, Reihe 18, Platz 25 – habe ich klare Vorstellungen davon, wie das heutige Spiel ablaufen soll. Bloss keine Gegentore, Kanterniederlagen habe ich in Zürich schon viel zu viele miterlebt. Dumm nur, dass meine Sitznachbarn etwas andere Vorstellungen von diesem Match haben. Mein Zürcher Sion-Kollege, der übrigens noch an die rechnerische Meister-Möglichkeit der Walliser glaubt, hofft auf einen abwechslungsreichen Match. Und meine Zürcher Freundin möchte ganz einfach die budgetierten 3 Punkte auf dem Weg zum Meistertitel.
Ja, mit meinem Thun-Wunsch bin ich ziemlich allein auf den Sitzplätzen – es sind übrigens die teuersten im ganzen Stadion, man gönnt sich ja sonst nichts. Immerhin, wenige Reihen unter uns erblickt man Prominenz. Den Lucien Favre, Trainer eines guten Zürcher Teams. (Okay, einige Minuten später verschwindet er in der Kabine.) Und dann auch den Roy Hodgson, Trainer eines nicht ganz so guten Finnland-Teams. „Trainiere doch besser Süd-Bulgarien!“ rufe ich da als Finnland-Skeptike.r. Aber wichtiger ist ohnehin, was ein paar Reihen über uns läuft. Da hat es eine Biertheke, toll. Man müsste jetzt einfach den Zürcher noch beibringen, dass längst Kartons erfunden sind, die das Tragen von bis zu sechs Bechern gleichzeitig ermöglichen. So läuft man halt für drei Getränke zweimal.
Vor dem Spiel suchen sich dann auch noch zwei Altbekannte ihre Plätze auf der Tribüne: Silvan Aegerter und Patrick Baumann. Auf mein „Hopp Thun“ reagiert dann aber nur der künftige FC Grenchen-Star.
Dann beginnt das Spiel. Mein Mitgefühl gilt den rund 40 halb im Regen stehenden Thunfans im Gästesektor. Es ist wirklich ein schuessliches Wetter heute. Immerhin ein Thun-Wetter. Wie witzle ich doch: „Normalerweise machen nur die Thuner Fehlpässe. Dank der nassen Rasen werden aber auch die Zürcher Fehlpässe machen. So ist doch das Spiel ausgeglichen…“
Denkste! Wie so ziemlich alle Thuner Auftritte in Zürich beginnt auch dieses Spiel mit einer gefährlichen Torchance des Gegners. Keine zwei Minute sind da gespielt, als Bettoni seine erste Heldentat vollbringen muss. Was folgt ist einfach zum Wegschauen: Bettoni-Parade, Pfostenschuss, Bettoni-Ablenker, Lattenschuss… Möglich, dass die Reihenfolge der Züricher Fehlschuss-Parade auch anders abläuft. Eines ist jedenfalls klar: Die Thuner wie so oft in Zürich total überfordert. Das erinnert mich doch an Hardturm-Resultate wie 4:1, 3:1, 5:1, 4:1 oder zuletzt gegen den FCZ 5:0. So ist es in meinen Augen purer Zufall, dass es nur Pause immer noch 0:0 steht. Vielleicht hat Thun heute ja Glück und die Kanterniederlage fällt doch nicht so hoch aus.
In der Pause geht’s an den Getränkestand an der Abgrenzung Haupttribüne/Gästesektor, endlich kann ich das Bier mal von der anderen Zaunseite heraus bestellen. Ein erfüllter Lebenstraum… na ja, immer eine Gelegenheit für dumme Sprüche mit Sanel. Und als mir Sanel gleich ein Bier für mich mitbestellt (schliesslich habe ich nur zwei Biere bestellt…), wird diese sektorübergreifende Fanfreundschaft von den beiden Vierverkäuferinnen gleich honoriert. Für 9 Franken gibt’s gleich drei Bier. Okay, vielleicht sind auch nicht alle Zürcherinnen so gut in Mathematik wie meine Freundin.
In der zweiten Halbzeit beruhigt das Spiel ein wenig. Statt einem Zürcher Sturmlauf sehen wir nun nur noch eine klare Zürcher Feldüberlegenheit. Und überraschend eine Thuner Mannschaft, die jetzt tatsächlich so etwas wie Kampfgeist zeigt. Weniger verlorene Laufduelle, weniger verlorene Zweikämpfe, kaum noch Fehlpässe – und hinten eine überragende Leistung von Bettoni. In der 56. Minute landet der Ball aber doch noch im Tor. Alle um mich herum jubeln nach dem Schuss von Tihinen. Doch ich sehe die Geste des Schiedsrichters ganz genau. Das Tor zählt nicht, es gibt Abstoss. Bald wird um mich herum laut gebuht. Aber selbst ein Zürcher hinter mich bemerkt, dass solche Fouls am Goalie in der Schweiz oftmals abgepfiffen werden. Mein Kommentar dazu: Wir sind ja zum Glück nicht in England.
Das Spiel läuft immer weiter. Und als in der 84. Minute nicht einmal Di Fabio mit einem Fast-Eigentor Bettoni bezwingen kann, glaube ich tatsächlich langsam an einen Punktgewinn Fünf Minuten vor Schluss kann ich Tom tatsächlich folgenden Spielstand per SMS schicken: „No 0-0.“
Und dann greift tatsächlich Thun an. Der Ball auf Bühler, der alleine vor dem Tor. Er schiesst über Leoni und auch über das Tor hinweg. Ich bin ganz zufrieden: „Jetzt kann das Fernsehen doch noch eine Thuner Torchance zeigen.“ SF entscheidet sich dann aber doch, in ihrer Zusammenfassung ein Thuner Angriffszencen aus der ersten Halbzeit zu zeigen. Sie werden dieser einzigen fernsehtauglichen Thuner Torchance ein Dutzend Zürcher Grosschancen entgegensetzen.
Doch auch bei Beginn der Nachspielzeit steht es immer noch 0:0. Schuld daran ist nicht das enorme Pech der Zürcher, sondern auch die Wahnsinnsleistung von Bettoni. Hinzu kommt ein cleveres Zeitspiel von ihm bei jedem Abstoss. Leoni hat mich mit einem ähnlichen Verhalten beim Heimspiel genervt, heute liebe ich Bettoni für seine Langsamkeit (Achtung liebe Bettoni-Familie und liebe Bettoni-Verehrerinnen: Dieser Satz ist nicht ganz ernst gemeint…) In der 90. Minute erhält er dann die lang erwartete Zeitspiel-Karte.
Auch die Nachspielzeit ist nochmals hektisch. Eine gefährliche Szene hier, ein Schuss da – doch Bettoni lässt sich heute nicht mehr bezwingen. Es bleibt beim 0:0. Ein tolles Resultat aus Thuner Sicht.
Ja, ich habe meine 50 Franken wirklich gut investiert. Und nein, meine Zürcher Sitznachbarn teilen meine 0:0-Euphorie auch nach dem Spiel nicht.