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Sion - Thun 2:1
30.11.2019Super League 2019/2020


Mit meinem Sion-Kollegen habe ich eine eher verrückte Abmachung: Wenn Sion nicht mehr im Cup ist, besucht er die restlichen Runden die Thun-Spiele, ist Thun ausgeschieden, besuche ich die Sion-Spiele. Auch wenn der Kollege zuletzt am Cupfinal in der Thuner Kurve stand, kommt es häufiger zum umgekehrten Gastbesuch. Dank der Thuner Nicht-Leistung in Winterthur werde ich sogar das zweifelhafte Vergnügen haben, mir Anfang März das Viertelfinalspiel Rapperswil-Sion ansehen zu müssen. Und doch zeichnet sich ab, dass ich diese Saison wohl nur noch im Cup erfolgsversprechende Fussballstunden erleben werde und nicht etwa mit Thun in der Meisterschaft. Und so gehe ich heute als Vorgeschmack schon einmal in den Sion-Sektor. Sogar mit Sion-Schal! Gut, der ist ja ebenfalls Rot-Weiss. Wer jetzt endgültig Hochverrat bei mir wittert: Heute Samstag ist Black Friday im Sion-Fanshop und alle Fansachen sind 30 Prozent billiger. Also muss ich für den Kollegen, der es nicht ans Spiel geschafft hat, eine Sion-Einkaufsliste abarbeiten. Diese umfasst sogar Ultra-Kleber vom Fanstand im Gardin nord. «Les stickers sédunois» heisst diese Wundertüte, wie ich mit meinem bruchstückhaftes Französisch erst nach einigem Hin und Her herausfinde. Denn verkauft werden die Kleber tatsächlich in einem neutralen verschlossenen Kuvert. Im katholischen Wallis scheinen freche Ultrasprüche ungefähr so unsittenhaft eingestuft zu sein wie Sexhefte.
Im Sionsektor stehe ich aber vor allem aus einer Art innerer Selbstregulierung. Es gibt Tage im Leben eines alten weissen Mannes, da spürt man in sich starke Wut. Sei es über Leute aus der eigenen Fanszene, sei es über die Polizei. Letzteres wird bei mir derzeit verstärkt durch die 83 (!) Stadionverbote gegen Kolleginnen von Kollegen von Gottéron, die sie in Form einer Kollektivstrafe erhalten haben. Kurzum: Heute wäre bei mir die Gefahr viel zu gross, mich in einem Blödsinn zu verstricken, der zu einem Stadionverbot führen könnte. Also meditierte ich zu Spielbeginn lieber inmitten einer grossen Pyroshow in der Sionkurve und vergesse all den Fussballärger. BTW wäre es mal an der Zeit, dass die Moskau-Reisenden vom Block Süd ihre 507 Franken Schulden zahlen. Wobei das Spiel erst noch nicht beginnt, gibt es doch noch eine Trauerminute für den verstorbenen Nati-Trainer Köbi Kuhn. Was aber die Sion-Kurve im Pyronebel nur mässig interessiert, der Capo ruft während dem Trauern sogar mehrmals durch sein Megaphon.
Dann läuft aber der Ball – und bald schon brennen vis-à-vis im Thunsektor zwei Fackeln. Denn Thun geht in Führung und das früh. In der 7. Minute startet ausgerechnet Chihadeh, der Walliser im Thunerdress, ein tolles Solo und schiesst wortwörtlich an der ganzen Abwehr vorbei. Schliesslich knallt er den Ball auch noch am herauseilenden Fickentscher vorbei ins Tor. 0:1. Mein Torjubel ertönt synchron zum lautem Walliser Gefluche und fällt dadurch nicht weiter auf. Denn so gut wie die Einzelleistung von Chihadeh war, so schwach war das Abwehrverhalten der Sittener. Nichts Neues, wie meine Nachbarn in der Kurve versichern. Die Thuner bleiben leicht stärker, wobei sie auch auf die vermeintliche Unterstützung von Schiedsrichter Jaccottet zählen können. Die Sionkurve stimmt jedenfalls schon früh ein kollektives «Fils de pute» gegen ihn an. Dann aber beginnt das Spiel sich zu drehen. So zeigt eine Statistik in der 30. Minute, dass der FC Sion inzwischen einen Anteil von 66 Prozent Ballbesitz hat. Das Üble dabei: So wirklich gefährlich wird Sion erst ab dieser 30. Minute. Mit einem Freistoss von Lenjani wird ein regelrechtes Offensivspektakel der Walliser eingeleitet, garniert durch mehrere Eckbälle, Freistösse und gar einen möglichen Penaltypfiff bei einem Zweikampf mit Kasami. Thun hat ziemlich viel Dusel, dass es die Führung in die Pause retten kann. Ich hole mir jedenfalls gleich zwei Becher Weissen Glühwein in der Pause, um genügend Notvorrat zu haben für das, was da noch kommt.
Erst kommt da bei Wiederanpfiff etwas Pyro auf der Walliser Seite und eine um einiges grössere und beeindruckendere Pyroshow im Gästesektor. Und dann kommen natürlich die Walliser Tore. In der 68. Minute nimmt das Unheil bei einem weiteren der rund zehn Walliser Eckbälle seinen Anfang. Zwar scheitert Doumbia mit einem Kopfball noch an Faivre, doch den Abpraller verwertet Itaitinga umgehend. Das Tor ist auf meiner Stadionseite viel umjubelt. Und dann trifft Doumbia auch noch selber. In der 80. Minute köpfelt er eine Flanke von Grgic an Verteidiger Rodriguez vorbei in Netz. 2:1.
Thun sollte nun zum ersten Mal seit über einer Stunde Spielzeit wieder aktiv nach vorne spielen. Und das macht das Gästeteam auch. Erst sucht Rapp mit einem wuchtigen Kopfball das Tor, doch Fickentscher kommt wie durch ein Wunder an den Ball. Und dann ist da auch noch eine starke Szene bei einem Eckball, doch Lenjani kann den Ball aus der Gefahrenzone köpfeln. Und dann ist Schluss, les Thunois sont commes les stickers – sie kleben am Tabellenende fest.
Nach dem Spiel zeigt sich dann noch, dass meine innere Selbstregulierung heute die richtige Entscheidung war. Denn während ich mit zwei anderen fehlgeleiteten Thunfans im leeren Extrazug auf die Fangruppe warte, löst ein paar hundert Meter von uns entfernt inmitten der Thuner ein einziger Punkt Punkt Punkt (hier bitte eine Anreihung von Fluchwörtern nach eigenem Belieben einsetzen) ein riesiges gewalttätiges Durcheinander aus. Ich darf dadurch nochmals mein bruchstückhaftes Französisch testen, dieses Mal im Gespräch mit den auch nicht gerade zweisprachigen Walliser Polizisten. Nach längerem französischem Zureden lassen sie mich die Polizeisperre passieren. Hinter dieser warten immerhin zwei wichtige Dinge: Ein Gaschong Cardinal, das ich mich mir geschätzte fünf Sekunden vor 22 Uhr noch im Coop kaufen kann – das nenne ich einen geglückten Endspurt – und ein schneller Zug Richtung Oberland und weiter.
Im regulären Zug lernt man denn auch interessantere Personen als wie im «le Extrazug» bloss die Polizei in Vollmontur. Einen jungen Betrunkenen beispielsweise, der ins Zugabteil hineinruft: «Will jemand einen Gin Tonic!?» und dann ganz überrascht ist, dass ich innerhalb von drei Sekunden mit einem ebenso lauten «Ja, gerne» reagiere. Er schaut mich ganz verdutzt an: «Ich muss mal schauen, was ich für Sie machen kann.» Ja, ich erhalte später einen vollen Becher Gin Tonic mit freundlichem Gruss aus Steffisburg. Und doch ist es irgendwie ein Tiefschlag: Jetzt werde ich also schon auf Fanfahrten gesiezt!? Ich bin wirklich ein alter weisser Mann geworden. Und dann bleibt noch etwas Zeit für ein paar Worte mit den drei jungen Herren zwei Abteile weiter vorne: Es sind Schiedsrichter Jaccottet und seine beiden Fähndlimänner, die eigentlich am mitgebrachten Laptop noch den Schirirapport schreiben müssen. Wie meint doch ein Thunfan treffend: «So nah wie bei diesem Gespräch war wohl der FCT heute den ganzen Tag nie an einem Punkt.»