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Spartak Moskau - Thun 2:1
15.08.2019Europa League 2019/2020

Moskau, Moskau, wirf die Becher an die Wand... In freier Interpretation der Moskau-Hymne von Dschingis Khan sind wir vier Tage in der russischen Metropole unterwegs. Je nachdem, ob wir mal wieder doppelt sehen oder ob mal einer das Hotel-Gym dem Kremlplatz-Pivo vorzieht, sind wir meist als mehr oder weniger dreckiges Dutzend unterwegs. Und erarbeiten bzw. ertrinken uns so schnell einen guten Ruf, dass wir anders als das Team von den Einheimischen NICHT mit einer Schwimmequipe verwechselt werden. Zu einem ersten Gruppenselfie mit einem Spartakfan - oder ist es vielleicht doch ein gut getarnter Zivi - kommt es schon Stunden vor Anpfiff in einer weihnachtlich geschmückten Altstadtgasse, die zum Kreml führt. Der Verlockung, uns Arm in Arm mit einem Putin-Double zu einem Siegerfoto hinzustellen, widerstehen wir aber. Schliesslich sind für den Sport - und ein wenig für Pivo, Wodka und Jägermeister hier - und nicht für die grosse Welt der Politik. Und wir wollen ja dann auch wieder zurück auf den Flieger können. Wenn lieber auch nicht in eine bestimmte Sitzreihe. Die feuchten Details möchten wir allen ersparen, die mit Moskauer Trinksitten nicht vertraut sind. Drücken wir uns mal so aus: War 2015 ein Zahnbürstli DAS Kultobjekt der Thuner Europacupsaison, ist es 2019 ein Plastikbecher mit Aeroflot-Aufdruck. Gut möglich übrigens, das schon bald Pferderennen auf internationalen Flugstrecken nicht mehr erlaubt sind.
Aber nun auf dem direkten Weg ins Stadion: Das Spiel beginnt mit einem tragischen Ereignis, der Trauerminute für einen Spartakfan, der am Montag bei einem Taxiunfall gestorben ist. Bei der Trauerminute machen wir mit, dass die Einheimischen aber gleich fünf Spielminuten lang auf sämtliche Stimmung verzichten möchten, bekommen wir aus sprachlichen Gründen nicht mit. So werden zu Spielbeginn also nicht etwa die Thunspieler, sondern die Thunfans vom Publikum ausgepfiffen. Aber die Sicherheitsverantwortliche hat mit uns vor dem Spiel halt lieber über die Richtlinien beim Aufhängen von Bannern diskutiert als uns auf den Stimmungsboykott aufmerksam zu machen. Echt daneben, Alte!
Freude bereiten uns dafür gleich zu Beginn die Thuner. Obwohl so ersatzgeschwächt, dass Sutter, Faktic und Kablan alle in der Startaufstellung stehen, erwischen sie den besseren Start. Und wie: In der 7. Minute sieht Rapp im Strafraum Glarner und übergibt ihm den Ball. Der hämmert ihn gleich rein: 0:1! Spartak ist dadurch nicht geschockt, sondern geweckt. Gleich in der 14. Minute haben sie eine Topchance: Schürrle mit einem Distanzkracher aufs Thuntor. Faivre schafft es, den Ball an die Latte abzulenken. Wir spüren: Das wird ein grossartiger Europacupabend für Thun und vor allem Faivre. Wir täuschen uns. Dabei könnte doch statt Schürrle heute Rapp zum Matchwinner werden. In der 44. Minute taucht er nach einem tollen Pass von Stillhart alleine vor Spartak-Goalie Maksimenko auf. Doch er verliert das Duell. Thun geht „nur“ mit einem Tor Vorsprung in die Pause.
Und nach der Pause wird es erst recht bitter für Thun, insbesondere in der Startviertelstunde von Halbzeit Zwei. In der 52. Minute testet Schürrle die Aufnahmefähigkeit von Faivre. Und in der Tat schafft es Faivre nicht, das Schüsschen in die Hände zu kriegen. Der völlig unnötige Abpraller landet direkt in den Füssen von Ponce, der zum 1:1 einschiessen kann. Doch noch ist für Thun nichts verloren, wir haben ja noch Rapp. Und prompt taucht der nach Wiederanpfiff erneut alleine vor dem Spartak-Tor auf. Dieses Duell wird er jetzt ja wohl gewinnen - nein, er scheitert auch bei dieser Topchance wieder an Maksimenko. Besser macht es Schürrle in der 58. Minute. Als die Thuner bei einem Einwurf nicht aufpassen, läuft sich Schürrle frei und kann zum 2:1 einschiessen. Wenigstens können wir sagen, von einem Weltmeister versenkt worden zu sein. Schürrle ist DER Matchwinner dieses Europacupduells.
Viel mehr ist da nicht mehr: Rapp kommt in der 66. Minute auch mit einem Kopfball nicht an Maksimenko vorbei. Und ein viel bejubelter Treffer von Ponce in der 82. Minute zählt wegen Abseits nicht. Ja Dänu, auch der heutige Schiedsrichter Srdjan Jovanović aus Serbien ist klar besser als die NLA-Schiris. Und da ist noch die Nachspielzeit, in der Munsy zu Boden geht und noch weit nach Abpfiff liegen bleibt. Hoffen wir mal, dass das an der Enttäuschung und nicht an einer Verletzung liegt.
Das Moskau-Abenteuer endet mit dem Schlusspfiff und ein wenig Applaus für die Thunspieler noch lange nicht. Mit Spartakfans, die wir beim Hinspiel kennengelernt haben, gibt es erst eine Hausparty bei, aber nicht mit Svetlana. 8 Moskauer und 8 Thuner musst du auch erst mal in eine 3-Zimmerwohnung hineinbringen. Raus geht dann um einiges einfacher, folgt doch gleich ein doppelter Auszug. Die dritte Gastgeberin des Abends heisst nach Spartak und Svetlana dann Daisy, Crazy Daisy mit vollständigem Namen. Schwierig, hier viel Geld auszugeben, wenn die Moskauer im VIP-Bereich einen Tisch voller Alkohol bestellen - im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Jüngerer von uns schafft es aber irgendwie doch, mit hunderten Franken (nicht Rubel) um sich zu werfen. Ja diese neureichen Schweizer wieder. Und ein Älterer hat noch dem unglücklichen Thuner Auftritt wohl das Gefühl, zu Lebzeiten keine Thuner Europacuppartie mehr zu sehen. Jedenfalls trinkt er bei der Crazy Daisy von 3 bis 7 Uhr die Alkoholmenge einer typischen Thuner Europacupsaison - die gewöhnlich in etwa sechs Auswärtsfahrten umfasst, und nicht nur eine. Doch wir sind überzeugt: So wie es der Fan schlussendlich wieder zurück auf die Beine geschafft hat, so schafft es auch Thun zurück in den Europacup. Europa, wir kommen wieder!