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Thun - Sion 1:2
04.04.2019Super League 2018/2019


Ich werde langsam alt. An einem verschneiten Tag wie heute prüfe ich kurz, ob bei mir am Abend ein Hockeymatch oder sonstige Winterspiele im Outlookkalender stehen. Doch der Kalender ist frei, so dass ich mit dem Kollegen für ein Besäufnis in Zürich abmache. Man hat ja als Heimweh-Thuner nichts besseres vor an einem Donnerstagabend. Nicht mal Dame XY vom Litteringteam hat mich zum gemeinsamen Nackt-, eh Nachtschwimmen eingeladen. Nur per Zufall lese ich in meiner Fernsehzeitschrift, dass heute ja Thun gegen Sitten spielt. Peinlich, zumal mein Kumpel extra aus Berlin nach Zürich geflogen ist. Ich zögere kurz und reagiere dann eiskalt: Neue Kumpels findet man immer wieder, aber doch keinen neuen Fussballklub. Ich storniere also den Saufevent - und stelle überrascht fest, dass der Kumpel ja heute selber noch nach Steffisburg zu seinen Eltern fahren will. Prompt wird aus dem Zürcher Besäufnis eine gemeinsame Fahrt im Speisewagen von Zürich nach Thun. Er mit Tee, ich mit Bier. Und er vor allem mit dem Geständnis, dass ihm Fussball Wurst beziehungsweise Berliner ist. Eben erst habe er eine Einladung von seinem Chef abgelehnt, gratis mit an ein Spiel von Union Berlin zu gehen. Trotz üsem Urs.
Alles gute Zureden hilft dementsprechend nicht, der Kumpel will partout nicht mit ans Thunspiel. So stehe ich zwischen den üblichen Verdächtigen im Stadion: Partykernen und Kevä. Nur sehen wir nicht das Übliche. Statt durch die gewohnte Thuner Heimdominanz ist die erste Halbzeit geprägt durch ein stark aufspielendes Sitten. Die Walliser sind auf schneefreiem Terrain das klar bessere Team. Ihr 0:1 kommt nicht überraschend, sondern verhältnismässig spät. In der 21. Minute erzielt es Lenjani mit einem Weitschuss. Und Sitten drückt weiter. In der 33. Minute trifft gleich nochmals Lenjani, dieses Mal im Strafraum per Kopf. Phasenweise droht nun für Thun eine Kanterniederlage wie letzte Saison beim 7:2 im Tourbillon. Doch zum Glück können sich die Thuner auffangen. Und in der 41. Minute drückt Sutter bei einem Eckball den Ball tatsächlich über die Linie. 1:2.
Hoffnung also für die zweite Halbzeit. Und tatsächlich sehen die nur 4100 Zuschauer nach der Pause ein besseres Thun. Je länger die Partie geht, umso mehr hat Thun den Ball. Für Stimmung sorgen zudem weisse Konfetti der Thunfans. Sitten-Goalie Fickentscher verwechselt sie prompt mit Schneeflocken und verlangt vom Schiedsrichter Fähndrich eine Schneeräumung. Wie lächerlich. Noch lächerlicher ist nur, dass der Schiri wirklich auf ihn hört. Und so räumt tatsächlich ein Helfer bei Null Schnee mit seiner Schneeschaufel die Strafraumlinien frei! Ja gibt es denn keinen orangen Ball in Thun!? Schade, bekommen wir nicht mit, wie die souveränen Sportreporter von Blind Power diese Situation ihren Zuhörern schildern. Ich hoffe, Yves und Co. sind grosse Meister des Sarkasmus.
Noch verrückter wird das Spiel in der 83. Minute. Weil Thun mehrmals beste Chancen nicht verwertet hat, setzt Sitten stärker denn je auf Zeitspiel. Wie Maceiras bei einem Einwurf. Wegen dem Hinauszögern des Spiels sieht er die Gelbe Karte. Und weil er spöttisch applaudiert, sieht er gleich auch noch Gelb-Rot. Sitten also in Unterzahl. Und dann taucht auch noch gleich der Goalie ab. Ob Fickentscher in der 85. Minute wieder eine Schneeflocke gespürt hat, dass er wie ein Schneemann Ende April den Boden unter den Füssen verliert? Was für ein Theater. Nicht für diese Aktion, aber für ein weiteres Zeitspiel wenig später sieht auch er die Gelbe Karte. Ja solche langsamen Spieler könnte die Schweizer Nati gut gebrauchen, ob im Winter oder Sommer.
Sechs Minuten Nachspielzeit sind die Folge dieses Laientheaters. Doch auch während dieser langen Überzeit gelingt Thun kein Tor mehr. Schade. Aber wie meint doch Speaker Dänu: „Ich bin froh, dass wir gewisse Spieler von Sion nicht bei uns in der Mannschaft haben.“ Wäre also ein Besäufnis in Zürich heute das bessere Abendprogramm gewesen? Gemäss Berliner Schnauze: Nee!