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Be'er Sheva - Thun 1:1
16.07.2015Europa League 2015/2016


Der heutige Spielbericht wird Ihnen präsentiert von Pingu. Er haftet mit seiner Kreditkarte für sämtliche Inhalte, die hier folgen. Dass er anschliessend wirklich Rechnungen verschickt, um seine Kosten zu decken, stuft das thunfans.ch-Team als leere Drohung ein.

Anders als die Gruppe Istanbul und die Gruppe Kiev fliegt die dreiköpfige Gruppe Zürich am Donnerstagnachmittag auf direktem Weg in Tel Aviv. Die Stimmung ist ausgelassen, ist es in Israel zum Glück nicht so heiss wie in der Schweiz. 30 Grad im Schatten sind doch ganz angenehm. In der Empfangshalle zeigt sich, wie ballonverrückt dieses Land sein muss. An allen Ecken werden die bunten Dinger hochgehalten. Uns erwartet dagegen nur ein Taxifahrer mit einem schwarzweiss bekritzelten Schild. Dafür hat es im Taxi eine angenehme Klimaanlage mit konstanten 20 Grad Celsius, liebe SBB. Der Taxifahrer ist nett und befragt uns sogleich zu unseren religiösen Vorlieben. Christgerecht bietet er uns für den nächsten Tag eine Fahrt nach Betlehem an. Doch sicher hätte er auch für Juden, Araber und Spaghettimonster-Anbeter eine passende Route parat gehabt. Was auf dieser und allen anderen Taxifahrten auffällt: Alle Fahrer betonen das Miteinander der einzelnen Bevölkerungsgruppen, Randgruppenbashing, wie es in Belgrad leider an der Tagesordnung war, hören wir nie.
Pflichtbewusst wie wir sind, treten wir zu Fuss unseren Weg Richtung Tempelberg an. Ja, wir besichtigen alte Mauern. Nein, vom Jersualem-Syndrom werden wir nicht erfasst. Da interessiert uns der Araber-Märit schon wesentlich mehr. Oder besser gesagt ein bestimmtes Geschäftsmodell: den Fernbedienungsstand. Da verkauft wirklich ein Araber an seinem Stand ausschliesslich Fernsehkästli. Und zwar dutzende verschiedene Modelle. Wir sind beeindruckt.
Im Hotel treffen wir auf bekannte Gesichter. Die Spieler irren in der Hotellobby herum, die ebenfalls im Leonardo einquartiert sind. Abfahrt ist für sie um 18 Uhr, zwei Stunden vor Spielbeginn. Leicht irritierend für uns ist, dass der FC Thun-Car nicht nur von zwei Polizei-Töfffahrern begleitet wird, sondern auch von einem Krankenwagen. Ja, das ist leider ein schlechtes Omen für das Spiel.
Auch für uns geht’s kurz darauf los – erst per Taxi, die letzten paar Meter zu Fuss. Auf dem Weg ins Stadion fühlt sich Mattäng wie bei der versteckten Kamera. Schon zwei Stunden vor dem Match wird rund ums Stadion gejohlt und getutet, als gebe es kein Morgen mehr – nun gut, für Israeli beginnt am Donnerstagabend halt jeweils auch das Wochenende. Doch obwohl die rotweissgekleideten Be’er Sheva-Fans (bei den Klubfarben gibt es geweise Gemeinsamkeiten mit Thun) für so einen hohen Lärmpegel sorgen und doch entsprechend durstig sein müssten, teilen sie Mattängs Freude am Biertrinken so gar nicht. Ob dieses für Fussballfans sehr seltsame Phänomen damit zusammenhängt, dass die Partie im Teddy Stadion ausgetragen wird? Mattäng jedenfalls zwängt sich mit seinem Bier in der Hand auf dem Stadiongelände gut und gerne eine Viertelstunde durch die Massen, bis er endlich auf Gleichgesinnte trifft. Doch die stürzen mit wenig erfreulichen Worten auf Mattäng zu: „Stell sofort dein Bier weg, uns hat die Polizei auch schon die Flaschen weggenommen.“ Und so wird auch Mattäng eine Lektion erteilt: In Israel ist Trinken in der Öffentlichkeit verboten. Das gilt auch für Fussballfans. Und tatsächlich fragt schon ein Polizist nach Mattängs Ticket. Gemeint ist wohl das Blue Ticket von der Passkontrolle, doch Mattäng deutet nur auf die nächstbeste Thunerin: „She has my ticket“. Nun ja, sie hat vielmehr einen Bündel Matchtickets in der Hand, die vom FC Thun für sämtliche mitgereisten Thunfans an der Hauptkasse hinterlegt worden sind. Danke an den Verein für diese Geste. Und an die Thunerin für die gelungene Ablenkungsaktion, in diesem Moment mit dem Verteilen der Tickets zu beginnen. Die Polizisten sind jedenfalls so irritiert, dass sie umgehend vergessen, dass sie eigentlich Mattäng kontrolliertes (Nicht-)Trinken beibringen wollten. Was für eine verpasste Chance.
Was sonst noch auffällt: Es gibt zwar vor dem Stadion eine Sicherheitskontrolle, doch kann die mit den Sicherheitschecks, welche beispielsweise so ein durchschnittliches israelisches Einkaufszentrum an seinen Eingangstoren durchführt, irgendwie nicht mithalten. Die Delta-Securitys sollen sich doch bitte mal in Israel umschauen, wie man in einem Stadion für Ruhe und Ordnung sorgt, ohne deswegen gleich die Gästefans schikanieren zu müssen. Wenns im Stadion überhaupt eine Schikane gibt, dann ist dies das Verpflegungsangebot für die Gästefans. Der Verpflegungsstand im Gästesektor ist nämlich geschlossen. Das sind ja Zustände wie in Albanien und Georgien! Auf den ersten Blick jedenfalls. Doch die Gastgeber haben bloss eine etwas seltsame Verpflegungsstrategie. Statt zwei oder drei Personen an einen Verpflegungsstand zu stellen, schicken sie laufend mutige Kinder in unseren Sektor, die uns abwechslungsweise Cola, Hotdogs, Glace oder gar ganze Brotlaibe verkaufen.
Das Geschäft läuft gut. Dabei ist der Sektor, wie wollen wir es ausdrücken, nicht ganz so gut gefüllt. Lässt man mal die beiden Rollstuhlfahrer samt Begleitpersonen weg, die zu unserer Überraschung im Gästesektor platziert worden sind – normalerweise schickt man im Ausland nur Dortmundspieler zu uns in den Sektor – sind wir punktgenau 20 Fans im Gästesektor. Und das zur Ferienzeit. In einem Ferienland. In einem familientauglichen Stadion mit vielen bunten Sitzen. Wir überlegen kurz, ob sich jeder Fan in einer andersfarbigen Sitzreihe hinstellen soll. Und dann singt erst der rote Fan und dann der grüne Fan und dann der gelbe Fan… Doch ehrlich gesagt, stimmen wir während dem Warmlaufen der beiden Teams ausser ein kurzes „Faivre, Faivre“ fast überhaupt keinen Gesang an. Wir hätten zu diesem Zeitpunkt angesichts der wirklich extrem lauten Be’er Sheva-Fans schlichtweg keine Chance, mit irgendwelchen Lieder zu den Spielern durchzudringen. Meist tobt die Fantribüne, doch auch die Haupttribüne stimmt immer wieder in ein Lied oder gar in einen Wechselgesang ein. Kann es sein, dass hier statt ein Enchanté ein Amore angestimmt wird? Unsere Hoffnung ist: Wenn diese wilden Be’er Sheva-Jungs schon während ihrer 120 Kilometer-Fahrt Richtung Hauptstadt so fanatisch Stimmung gemacht haben, wird ihre Kondition niemals bis Spielende ausreichen. Und so wird es dann auch kommen.
Vorerst aber ist eine Ende der Be’er Sheva-Party nicht in Sicht. Und sie zeigen uns auch noch einmal, wie ballonverrückt Israel ist. Die Choreo besteht – natürlich – aus hunderten roten und weissen Ballonen. Die werden hochgehalten. Und dann – natürlich – aufs Feld geschmissen. Was dann aber selbst so Weitgereiste wie uns überrascht, ist das kleine Detail, dass das ganze Spiel hindurch immer wieder Ballons aufs Feld fliegen, manchmal gar nicht Dreier- oder Vierer-Multipacks. Ungelogen: Während der Startviertelstunde ist das Spielfeld kein einziges Mal ballonfrei. Das belgische Schiedsrichtergespann wird sich sagen, dass diese Kindergeburtstagsatmosphäre immer noch besser ist, als die Pyroweitwürfe, mit denen zur gleichen Stunde die Fans von Beitar Jerusalem in der belgischen Provinz ihr Unwesen treiben.
Just als es mit der Ballonmanie auf ein Erstes vorbei ist – Auffallen wird während dem Spiel noch eine Securityfrau, die beim Ballonzertreten am Spielfeldrand jedes Mal herzhaft auflacht – hat Thun plötzlich ganz andere Sorgen. In der 16. Minute lernen wir die 25 von Be’er Scheva kennen. Und der fällt überaus negativ auf, mit einem Brutalofoul an Sigi. Wie Soares Siegfried von den Beinen holt, hat mit Fussball nichts zu tun. Und der Schiedsrichter zeigt tatsächlich dem Israeli nicht mal eine Gelbe Karte? Zeit hätte er genug, humpelt doch Siegfried verletzt vom Platz. Für ihn kommt Sutter ins Spiel, der später selber in der zweiten Halbzeit mit einer Gehirnerschütterung verletzt ausfallen wird.
Ja, es ist ein hartes Spiel. Und nein, es ist kein gutes Spiel. Bei Thun ist es der erste Ernstkampf für den neuen Trainer Ciriaco Sforza. Bei Be’er Sheva ist es der erste Ernstkampf für den neuen Trainer Barak Bachar. Beide Trainer haben ihre Teams umgestellt, beide Trainer setzen im Sommer dazu gekommene Spieler ein. Entsprechend zerfahren ist die Partie. Zwar zeigen beide Teams Einsatz und Kampfgeist, aber schöne Spielzüge sind grosse Mangelware. Was noch am ehesten funktioniert, ist die Angriffsauslösung von Be’er Scheva. Im Mittelfeld sind die Israeli den Thunern klar überlegen. Und als in der 26. Minute bei der ersten nennenswerten Chance Maor Buzaglo einen grandiosen Pass auf Ovidiu Hoban spielt, kann der gleich zum 1:0 einschiessen. Und wir haben gerade noch Witze darüber gemacht, dass die Zuschauer auf der Haupttribüne jedes Mal aufspringen, wenn ein Israeli mit dem Ball über die Mittellinie kommt. Unser Lachen bleibt uns im Hals stecken, zumal Be’er Scheva nach dem 1:0 erst recht mehr vom Spiel hat. Zwischenzeitlich droht jeden Moment das 2:0 zu füllen.
Umso überraschender ist es, dass sich der Gästesektor in der zweiten Halbzeit immer mehr mit rotweissen Fans füllt. Haben da etwa ein paar Thuner vergessen, nach der Landung in Israel die Uhr eine Stunde nach vorne zustellen? Die Lösung ist noch absurder: Der Gästesektor dient heute als Raucherzone für die Fans aus dem Heimsektor. Einzeln oder zu zweit passieren Be’er Scheva-Fans das stets nur angelehnte Tor zwischen Haupttribüne und Gästesektor, um mit Bewilligung der Sicherheitsleute bei uns gemütlich zu rauchen. Doch aufgepasst, liebe Kinder: Das soll jetzt nicht heissen, dass man deswegen auch gleich in einem israelischen Stadion kiffen darf. Nur so als kleiner Hinweis für eure nächste Israel-Reise.
Vielleicht deuten ja die Thunspieler die grösser werdende Fanschar im Gästesektor ja auch falsch. Jedenfalls spielen sie in den Schlussminuten plötzlich gross auf und versuchen doch noch, zum so wichtigen Auswärtstreffer zu kommen. Die Chancen sind plötzlich da. Und plötzlich pfeift auch der Schiri. Als Ovidiu Hoban, der Torschütze des 1:0, nämlich Marco Rojas im Strafraum umreisst, entscheidet der Schiedsrichter auf Penalty. Thun hat nun also die grosse Ausgleichschance – in der 87. Minute. Frontino, Held aller Thuner Fanclublegenden, setzt sich den Ball. Ein wichtiger Moment für seinen Gegenspieler Dudu Goresh, der jetzt in seinem ersten Spiel für Be’er Scheva mit einer Parade sogleich zum Held aller israelischen Fanclublegenden werden könnte. Frontino läuft an – und trifft! 1:1. Und als das Pfeifkonzert der Heimfans nach rund einer Minute endlich verstummt ist, hört man im Teddy Stadion nur noch die Thunfans. Und das ändert sich bis zum Spielschluss nicht mehr.
Für uns Thuner ist es ein gefühlter Sieg. Entsprechend fröhlich fallen nach dem Match am Spielfeldrand die Handschläge zwischen Spielern und Fans aus. Nur Marco Bürki setzt lieber gleich zum High Five an. In Münsingen lebt man halt immer eine Spur krasser. Und beeindruckt über die Thuner Schlussoffensive ist man auch beim Heimteam. Be’er Scheva-Trainer zieht in der „Jerusalem Post“ das Fazit: „We played well against an excellent team and gave our all for 90 minutes.“
Gut verstehen sich auch die beiden Fanlager. Da werden Schals getauscht und nach dem Spiel – wie auch schon vorher – freundliche Worte gewechselt. Und zu guter Letzt verbünden sich Be’er Scheva-Fans und Thunfans auch noch gegen einen gemeinsamen Störenfried: Den Sicherheitsmann der Jerusalem Mall. Der arme Kerl hat nämlich die Aufgabe, nach 22 Uhr einer grossen Meute Fussballfans beizubringen, dass in Israel die Eingangskontrollen in einem Shoppingcenter nun mal strenger sind als in einem Fussballstadion. Und so bildet sich eine riesige Einerkolonne vor dem Haupteingang. Dabei schliesst das Einkaufszentrum doch bereits um 23 Uhr. Kein Wunder, werden da die Fans unruhig und machen schliesslich das, was anderswo in Israel keineswegs tun sollte: sie gehen links und rechts am verdutzten Wachmann vorbei und stören sich keinen Deut daran, dass der Metalldetektor pfeift und blinkt und der Herr Kontrolleur wild mit den Händen herumfuchtelt. Da lassen wir Thuner uns nicht zweimal bitten und zotteln den Be’er Scheva-Fans einfach hinterher. Schliesslich haben wir Hunger. Schade nur, gibt es so kurz vor Sabbat (oder auch sonst) im Bäckerladen keine nahrhaften und fleischbeladenen Sandwichs. Mattäng entscheidet sich schliesslich für eine Käsevariante, die sich als Balkansandwich herausstellt. Im fernen Ausland sind wir wohl alle Balkanesen. Und Durst haben wir natürlich auch. Nur hat das Bier hier in Israel selbst im Supermarkt stolze Preise. Für eine Halbliter-Dose Goldstar zahlen wir 10,30 Schekel. Und für eine Dose Maccabee-Lager gar 11,70. Dazu muss man wissen, dass der Wechselkurs Schekel-Franken etwa 1:4 ist.
Die Taxifahrt durchs nächtliche Jerusalem kostet dann für drei Personen übrigens insgesamt 77 Schekel. Worauf wir uns in der Hotelbar nochmals eine Runde Bier genehmigen – für 32 Schekel pro Glass. Im Fernseher läuft die Wiederholung des Spiels Sporting Charleroi gegen Beitar Jerusalem. Wir schauen uns nochmals den grössten Teil der ersten Halbzeit an, obwohl wir doch schon im Einkaufszentrum eine Zusammenfassung vom berüchtigten Pyromatch gesehen haben. Ein solches Fussballfeuerwerk sorgt wohl auch in Israel für Top-Einschaltquoten. Und wir wären wohl noch länger in der Bar sitzen geblieben, hätten wir geahnt, wie laut es in unseren Zimmern ist. Mattäng ist dann jedenfalls die halbe Nacht damit beschäftigt, seine Ohrenpax immer wieder auf ein Neues ins Ohr zu stöpseln. Zu sehr stört ihn die dicht befahrene Hauptstrasse vor seinem Zimmer. Tinu hat da ganz andere Probleme: Er nimmt einen Zweikampf mit dem Kühlschrank auf und zieht schliesslich den Stecker raus. Bei Mattäng dagegen dröhnt der Kühlschrank. Das einzige, das ihn in dieser Nacht beruhigt, ist der Gedanke an kühles israelisches Bier.
Niemand von uns weiss, warum jener Taxifahrer schlecht geschlafen hat, der uns am nächsten Morgen von Jerusalem nach Tel Aviv ins nächste Hotel fahren sollte. Jedenfalls fehlt um halb Neun von ihm jede Spur. Bleibt Zeit für ein bisschen Small Talk in der Hotellobby mit der FC Thun-Delegation. Wobei das Gesprächsthema Sigis Verletzung. Er rollt im Rollstuhl und mit eingegipstem Bein an uns vorbei. Die schreckliche Wahrheit nach dem Brutalofoul lautet Wadenbeinbruch. Thun wird schon europäisch überwintern müssen, damit Sigi in dieser Saison nochmals in einem Europacupspiel auf dem Platz stehen kann. Als der Mannschaftsbus kurz vor Neun abfährt, ist unser Taxifahrer immer noch nicht auffindbar. Er verspätet sich schliesslich um 40 Minuten. Wir lernen: Israelische Taxifahrer sind nur pünktlich, wenn es sich um einen Flughafentransfer handelt. Das sind sie aber tendenziell jeweils 40 Minuten zu früh.
Zeit zum Souvenirkaufen bleibt dann aber in Tel Aviv dennoch genug. Zu unserer Freude sind die Läden hier auch am Sabbat geöffnet. Wir Männer finden ja vor allem den Maccabi-Fanshop sowie die Veloläden am Spannendsten. Ja zugegeben, was Tel Aviv wirklich gefährlich macht, sind die Velofahrer, die auf jedem Troittoir herum kurven. Aber so ein kleines elektrisches Velo, ein Bixi-Bike, wäre halt schon was. Tinu und Mattäng schreiben schon mal an ihrem Weihnachtswunschzettel.
Keine Wünsche gehen bei der Europacupauslosung in Erfüllung. Vaduz? Vaduz! Das soll wirklich der nächste Gegner sein, sofern den Thun das Rückspiel gewinnt und Vaduz nicht etwa noch einen Zwei-Tore-Vorsprung gegen irgendwelche Esten verspielt. Nur gut, schlecken wir gerade am Strand an einer Glace, um von diesem Horrorlos – man denke nur an die Ausgangsmöglichkeiten in Liechtenstein – nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Nur Mattäng freut sich, könnte doch sein neuneinhalbjähriger Pass zumindest die Einreise nach Liechtenstein noch heil überstehen.
Anschliessend trifft man sich bei Mike. Im Pub Mike’s Place um genau zu sein. Die Gruppe Istanbul und die Gruppe Kiev haben sich da bereits seit 12.08 Uhr versammelt. Da nimmt doch auch unsere Gruppe Zürich – nicht jeder mag komplizierte nächtliche Flugrouten – gerne einen Schluck aus einem Pitcher. Oder zwei. Oder drei. Um 16 Uhr ist jedenfalls Pingu wieder gefragt. Da die Rechnung mittlerweile etwas grösser geworden sind, soll nämlich jemand seine Kreditkarte hinterlegen. Und Pingu macht das gewöhnlich selbst dann, wenn die Chancen gross sind, durch die gute Tat Konkurs anmelden zu müssen. Im Hotel der Gruppe Istanbul und die Gruppe Kiev hat er diesen Fehler nämlich bereits begangen. Dabei könnte es doch eine kleine Möglichkeit geben, dass so zwei Gruppen Fussballfans das Hotelinventar leicht abnützen könnten. Bei Mike entschliessen wir uns dann aber doch, Pingu aus der Gefahrenzone zu zerren und um die (Zwischen-) Rechnung zu bitten. Das Resulat von vier Stunden Pubaufenthalt: Eine Rechnung über 1626 Schekel – samt neckischem Vermerk „Trinkgeld nicht enthalten.“ Samt Smilie. Interessant ist ja, da die sechs berechneten Pitcher nur einen Teil der Rechnung ausmachen. Zum Glück wurde im Laufe des Nachmittags mal Happy Hour. Und nicht nur, was die wilden Geschichten früherer Reisen – in Israel benimmt sich natürlich ein jeder von uns – anbelangt. Mattäng weiss jedenfalls seit diesem Nachmittag, warum sich mal in Genk ein jüngerer Thunfan geweigert hat, mit ihm das Hotelzimmer zu teilen, als er erfahren hat, dass Mattäng öfters mal Europacupspiele besucht. Wahrscheinlich wollte er nicht die elektrische Zahnbürste mit einem der langjährigen Auswärtsfahrer teilen.
Dabei ist doch Mattäng sehr galant. Notfalls opfert er sogar seine Frisur und überlässt während seinem Hotelaufenthalt einer Thunerin. Du hast die Haare schön-Mattäng wurde mit dem Föhn ursprünglich dafür entschädigt, dass er anders als der Rest der Gruppe Zürich statt Blick aufs Meer Blick auf den Hinterhof des Hotels hat. Tinu hat Blick aufs Meer. Und hätte deshalb doch sehen müssen, dass Qualen im Meer ihr Unwesen treiben. Doch nicht einmal die „Schwimmen verboten“-Schilder halten die Gruppe Zürich ab, sich ins Meer zu wagen. Ja, so ein Meer voller Quallen sorgt für juckende Beine und Arme. Da glaubt man doch fast, die Gruppe Istanbul lebe gesünder. Deren Mitglieder sind nämlich gleich bei Mike sitzen geblieben und stärken sich immer noch im Pub.
Einen Sonnenuntergang mit Pizza sowie einen Besuch im Billig-Hotel mit Bier später ist es dann aber schon Zeit für den Ausgang. Schliesslich geht die Sonne hier in Tel Aviv um 20 Uhr runter und heben die Billig-Flieger mitten in der Nacht ab. Erste Station ist ein Pub mit gefährlichen Shots und Rechnungen. Dann geht’s weiter in einen Nachtklub, in der angeblich um Mitternacht auf den Tischen getanzt wird. Erzählen jedenfalls diejenigen Thuner, die am Vorabend schon dort gewesen sein wollen. Hätte es dann aber nicht mehr Kleber an Wänden, auf Tischen und auf Trommeln? Nun ja, bald wimmelt es jedenfalls (wieder) von Thun-Klebern. Und als Hier läuft ja nichts-Nörgler wie Mattäng sich für 66 Schekel einen Shotbecher bestellen, entspannt sich die Runde endgültig. Zumal kurz nach Mitternacht tatsächlich auf den Tischen und der Bartheke getanzt wird. Und längst nicht alle Hochleistungsläufer zollen ihrem Kraftakt später in der Nacht Tribut und kotzen vor dem Klub.
Da die Gruppe Istanbul und die Gruppe Kiev ihre Taxi auf halb Drei bestellt haben, endet der Abend hier kurz nach halb Zwei. Dann also weiter in eine Hookah-Bar direkt am Strand, wo je nach Lust und Laune zur Shishaflasche oder zum Bierglas gegriffen wird. Um 2.15 Uhr erfolgt folgender Funkverkehr zwischen der Gruppe Zürich und der Gruppe Istanbul: „Klappt alles mit dem Taxitransfer?“ „Wie denn, wenn ich hier alleine vor dem Hotel stehe.“ Israelische Taxifahrer sind wie erwähnt immer überpünktlich, wenn sie mit einem Flughafentransfer beauftragt worden ist. Aber warum deswegen gleich nervös werden, wenn Leute um 2.30 Uhr nach dem Ausgang zu ihrem Hotel zurückkommen, um 2.30 Uhr eine Taxifahrt antreten zu können. Das letzte der vier bestellten Taxis fährt dann jedenfalls mit einem statt drei Passagieren los. Man erzählt sich aber in Tel Aviv und Thun, dass dennoch sowohl die Gruppe Istanbul, als auch die Gruppe Kiev komplett nach Hause geflogen ist. Das thunfans.ch-Team gibt diese Angaben ohne Gewähr weiter.
Man nehme sich ein Beispiel als Mattäng. Als der angegraute Fan – Pingu hat ihn während dem Israel-Trip ehrenvoll als den „Ältesten in unserer Kurve“ bezeichnet – am nächsten Mittag eine Viertelstunde vor seinem eigenen Taxitransfer bemerkt, dass er die restlichen paar hundert Meter zum Hotel wohl nicht mehr pünktlich schafft, steigt er geradewegs in einem benachbarten Hotel in ein Taxi. 37 Schekel später ist er die Erfahrung reicher, dass bei Einbahnen und vielen Ampeln die Fahrt im Taxi nicht unbedingt schneller ist. Ja, man muss auf den Herrn Mattäng warten. Auch, weil er anschliessend zu faul ist, um seinen Koffer vom 1. Stock ins Parterre zu tragen. Es passt zu seinem Pech bei der Routenwahl, dass er auch auf dieser Liftfahrt von zwei alten Spaniern in den 5. Stock umgeleitet wird. Definitiv nur ein Gerücht ist es aber, dass es Mattäng altersbedingt bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen so gemütlich nimmt. Nachdem sein neuneinhalbjähriger Pass innert kürzerster Zeit mehrmals gescannt und verfaltet worden ist, sieht er wie neunhundertjährig aus und ist zerknittert und lose wie ägyptisches Pergament. „You need a new passport.“ Nur weil der jetzt so schlecht aussieht und bereits ab nächster Woche ablaufbedingt nicht mehr zur Einreise nach Israel berechtigen würde? Also ein Pass, der Ende Januar 2016 abläuft, berechtigt doch bis Ende Januar 2021 zur Einreise nach Italien. Nicht Mattäng benötigt einen neuen Pass, Thun benötigt mehr Losglück.
Zeitbedingt gönnt sich dann halt Mattäng im Duty Free nicht mehr eine Grosspackung Schnaps, sondern halt ein Fläschchen Cola. Auch dafür wird der Pass eingescannt, worauf der Preis mehrwertsteuerbedingt bzw. mehrwertsteuerbefreit regelrecht zerbröselt. Ähnliches gilt beim Zeitungskauf, worauf eine hübsche Israelin Mattäng gleich ins Portemonnaie greift. Münzzählen sagt man dem.
Dass aber nicht nur Geld und Fussball, sondern auch Musik Völker verbindet, zeigt Mattäng am Flughafen auch gleich noch. Er lässt sich vom Tav8-Musikexperten Nachhilfe im Fach israelische Popmusik geben. Sein Wunsch ist eine aktuelle CD, die „not too slow is“. Gar nicht so eine einfache Aufgabe für den Verkäufer, wenn er es mit einem Thunfan zu tun hat, der auch nach 3 Tagen Israel immer noch kein Hebräisch versteht und schon gar nicht irgendwelche hebräische Zeichen auf den CD-Hüllen lesen kann. Doch ein Kopfhörer schafft Abhilfe und schon hört sich Mattäng das Album eines Künstlers an, der auf dem CD-Cover knietief in einem See steht – mit dem Rücken zum Betrachter. Soll das etwa ein Seitenhieb darauf sein, dass den Thunern im Europacup das Wasser bald schon bis zum Hals stehen könnte? Mattäng lässt sich aber nicht beirren und kauft sich für den Preis eines israelischen Shotbechers das Album Mirrors von Kobi Aflalo. Oder wie ein Musikkenner wie Mattäng zu sagen pflegt: קובי אפללו- מראות.

Doch die Israel-Fahrer bringen noch einen ganz anderen musikalischen Gruss von ihrem Trip zurück. Einen neuen Fangesang, der im seriösem Fachkreis in der Hookah-Bar am Strand von Tel Aviv getextet wurde. Und der geht so… An dieser Stelle haben wir erfahren, dass Pingu mit seiner Kreditkarte leider nicht für Umtriebe (inklusive dem Antrag auf eine neue Identität) haftet, die durch das Veröffentlichen von Fangesängen im Internet entstehen. So schliessen wir stattdessen mit den Worten: Israel ist immer eine Reise wert. P.S. Der Block Süd sollte mehr Ballon-Choreos machen.