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Servette - Thun 2:0
09.05.2013Super League 2012/2013


Das Stade de Genève ist über die Autobahn Lausanne-Genf-Annecy zu erreichen. Die Autobahnausfahrt ist mit La Praille beschriftet. Das Stadion liegt direkt an der Ausfahrt…

So erzählt man es sich jedenfalls. Wenn nun aber eine Gruppe echter Männer unterwegs ist, lässt die sich sicher nicht belehren, wo sie durchzufahren hat. Besonders nicht, wenn man einem Feiertag in Fast-Frankreich spielen muss. So passiert uns an Auffahrt 2013 das gleiche wie am Ostermontag 2012: Auf der Autobahn geben wir kurz vor Genf nochmals ordentlich Gas und ignorieren sämtliche La Praille-Schilder. Schliesslich haben wir einen Top-Navigator an Board: Kolumbus-Cemko bzw. dessen Handyapp. Die ist zwar nicht ganz so sexy wie der Hai-Bildschirmschoner, bietet aber mindestens so viel Gesprächstoff. Kurzum: Wie schon 2012 schickt zu uns querfeldein durch Genf – und auch schon mal in einen Megastau oder eine Sackgasse. So kommt es, dass uns andauernd Jogger und Töfffahrer überholen – in Genf sind die Gestressten scheinbar alle auf dem Trottoir unterwegs. Nicht mal für eine Zigipause mit uns haben die Jogger Zeit. Als wir 20 Minuten vor Spielbeginn erst den Bahnhof kreuzen, schwindet die Hoffnung auf ein pünktliches Eintreffen beim Stadion. Dafür machen wir richtiges Sightseeing in Genf. Wir kreuzen Must See-Orte wie den kürzesten Bahnhofstrassenstrich der Welt (nur echt mit Baselbieter Luxusschlitten, der zugleich Verrichtungsbox und Verkehrshindernis ist), den Topfashion-Store Rudi Mode und die auf Transports et Déménagements spezialisierte M. Ducret SA. Dessen Namensvetter ist übrigens schuld daran, dass sich unsere Ankunft noch etwas mehr verzögert. In Sichtweite zum Stadion (die Stadionleinwand erkennen wir jedenfalls schon von weitem) ist erst einmal eine Pinkelpause in einem Wohnquartier angesagt. Andere Länder, andere Sitten. Was auch auf das anschliessende Fahrmanöver bei einer Tankstelle zutrifft. Besteht die Genfer Verkehrssignalisation eigentlich zu 90 Prozent aus Linksabbiege-Verboten?
Wir informieren uns derweil über Liveticker über das Matchgeschehen: «Gleich führt Schiedsrichter Kever die beiden Mannschaften aufs Feld. Das Stade de Genève ist nicht gut gefüllt.» Logisch. «Thun spielt ohne Demiri». Oha, ein Verletzter. «Bättig liegt schon wieder am Boden, er ist ohne gegnerische Einwirkung eingeknickt. Das dürfte es für ihn gewesen sein. Für Bättig kommt Michael Siegfried ins Spiel.» Oha lätz, noch ein Verletzter. 17 Minuten sind da gespielt. Wir nähern uns derweil dem Stadion. «Nun hält sich Ferreira das Knie und liegt am Boden. So kommt natürlich kein Spielfluss auf. Der Flügelspieler wird weitermachen können.» Oh la la, da zeichnet sich nach 24 Minuten Verletzung Nummer Drei ab. Immerhin hält Ferreira gerade noch so lange durch, dass wir ihn noch kurz zu Gesicht bekommen. Er geht in der 45. Minute raus – wir gehen kurz vor der 30. Minute rein.
Verpasst haben wir viel. Kein Tor zwar, aber die einzig gute Phase der Thuner. Spätestens als auch Ferreira nur noch auf dem Platz herumhumpelt, stolpert die ganze Mannschaft nur noch durchs Spiel. Servette ist jetzt klar die stärkere Mannschaft. Einzig punkto Härte kann man den Thunern nichts vormachen. Schindelholz sieht Gelb, Steffen sieht Gelb, Reinmann sieht Gelb. Und der Speaker sieht gar Rot. Auf der Grossleinwand auf unserer Seite ist jedenfalls jede Gelbe Karte rot eingefärbt. Besonders clevere Schiedsrichterbeeinflussung?
Das Verpflegungsangebot ist eher karg, weisst aber einen Trumpf auf: Im Gegensatz zum germanisierten Zürich, wo selbst im Coop Restaurant an der Bahnhofstrasse nur noch Apfel Schorle ausgeschenkt wird, unterstreicht man in Genf das letzte Stück Helvetismus. Hier wird noch Ramseier Moscht ausgeschenkt bzw. Schüüübummm, wie der Einheimische an der Servette-Bar zu sagen pflegt. Erfreuliche Stärkung für die zweite Halbzeit.
Tatsächlich müssen wir um jede Portion Fruchtzucker froh sein, macht sich doch im Stadion immer mehr Langeweile breit. Die Servettefans, die bislang vor allem durch ein Transparent für die Berner Unterschriftensammlung gegen das Hooligankonkordat positiv aufgefallen sind, überraschen nach 55 Minuten im Halbdunkel des Stadions durch eine ansprechende rote Pyroshow. Gezündet wird kontrolliert, auf Pyrowürfe wird ebenso verzichtet wie auf nerv- und ohrtötende Böller. All die südländische Stimmung erhält plötzlich einen aus Genfer Sicht erfreulichen Farbtupfer: Reinmann macht seinem Namen alle Ehre und trifft zum 1:0 – leider ins eigene Tor. Da Servette aber jeden möglichen Motivationsspritzer gebrauchen kann, wird zumindest im Stadion das erst 23. Genfer Saisontor Tréand zugeschrieben.
Zugleich ist es das 5. Gegentor, das die Thuner seit dem 0:3-Debakel in Lausanne auswärts kassieren. Und jenes Spiel fand immerhin am 17. November 2012 statt. Grund genug aber, für den Fussballspezialisten hinter mir, sämtliche Thuner Spieler minutenlang lauthals zu beleidigen. Sprüche wie «Fuuli Säck» oder «Zeig ändlech mal öppis» sind dabei noch die harmlosesten Kommentare. Er verstummt erst in der 70. Minute. Denn da fällt das nächste Tor. Ebenfalls wieder für Servette. Kouassi schiesst Servette ins Glück und den Thun-Beleidiger – und so ziemlich die ganze Fankurve – in Stockstarre. Von einigen Anfeuerungsrufen abgesehen ertönt jetzt nur noch der Schlachtruf «Ihr seid alles Absteigerjungs!» regelmässig aus unserer Kurve. (BTW: Freiheit für alle Schlagzeuger).
Der Match ist entschieden, nur ich zittere noch ein wenig mit. Im Biergaschong-Tippspiel des Aebikurveforums habe ich schliesslich 2:1 für Servette getippt. Doch nicht einmal der Ehrentreffer will noch fallen. Kreativität zeigt bei den Thunern nur noch Lüthi. Mit einer so dummen Aktion, dass mir die Worte dazu fehlen. Ich verweise daher nochmals auf den Liveticker: «Lüthi mit der klarsten gelben Karte seit der Erfindung des Fussballs, trotzdem geht er sich bei Schiedsrichter Kever beschweren...» Die Szene endet damit, dass sich die Gelbe Karte auf der Leinwand dieses Mal zu Recht in eine Rote Karte verwandelt. Lüthi sieht Doppel-Motz-Gelb. Was für ein Ausschluss-Abschluss der längsten Thuner Auswärtssiegesserie seit 2005.
Servette gewinnt 2:0 – und zeigt Selbstironie. «Highway to hell» ertönt minutenlang über die Stadionlautsprecher. Ja, trotz drei Punkten gegen Thun führt für Servette nach wie vor kaum ein Weg an der Hölle NLB vorbei.
Derweil applaudieren wir unserem Team nach dem Spiel. Eine schlechte Leistung allein kann nicht über einen berauschend schönen Thuner Fussballfrühling hinwegtäuschen. Und wie heisst es doch so schön: «I like, I like, I like it loud, When I enter the club, I’m with my crowd. Drinking shots and champagne. The girls get proud being VIP. The heat is up. Come on and drink with me…» Und so starten wir auf der Rückreise in unserer VIP-Limousine gleich noch eine Klatschoffensive. Ganz nach dem Motto «This is nightlife, We dance under the moonlight, And party till we feel high, We’re ready for the good times». Selbst mit dem Navigieren klappts jetzt, die Polizei ist unser Freund und Helfer– wobei ein Aktivist der Police Cantonale de Genève extra noch vor unserer Abfahrt in gebrochenem Deutsch betont hat, dass sie uns wirklich ausnahmsweise nicht zum Polizeiposten, sondern nur zur Autobahneinfahrt begleiten wollen. Also nutzen wir ihr Blaulicht zur Party.
Selbst die Raststätte in Estavayer-le-lac finden wir auf Anhieb. «Der Mäc hat 24 Stunden geöffnet», behauptet Navigator Cemko selbst dann noch, als wir vor verschlossenen Türen stehen. So ist das halt bei einem Halt um 23.05 Uhr bei einer Raststätte, die um 23.00 Uhr zugesperrt wird. Aber wenn eine Gruppe echter Männer unterwegs ist, lässt die sich sicher nicht belehren, dass man auf so kleine Details wie Ladenöffnungszeiten achten sollte.

Restoroute Rose de la Broye à votre disposition:
Magasins: 06h00 - 22h00
Restaurants: 06h00 - 23h00
Shop station essence: 24h/24