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Servette - Thun 4:1
29.11.2008Challenge League 2008/2009


Die Reise nach Genf hat sich wirklich gelohnt. Wir sitzen in der Altstadt und geniessen in einem idyllischen Wintergarten „Vin chaud“. 4 Franken kostet der Becher, da wächst unser Becherturm rasch. Ob Österreicher, Gotteronfans (natürlich haben wir uns wieder für den Thunmatch entschieden) oder Flugtouristen aus dem Tessin, uns macht es hier einfach Spass. „Chum mir nähme no eine!“ „Aber i zwöiehalb Stung isch doch Match!“ „Wele Match?“

Wir gehen dann doch ans Spiel. Der Bus ist überfüllt. Aber das kenne ich schon vom Vorabend aus Freiburg, als 200 Buspassagiere gleichzeitig Richtung Stadion fuhren. Doch oha… als der Bus beim Stade de Geneve hält, müssen wir Thuner uns den Weg regelrecht freiboxen. Kein einziger welscher Passagier will hier raus! Vielleicht hat es sich herumgesprochen, dass es im Stadion nicht einmal Bratwürste gibt.
Dafür sind die Eintrittspreise tief – erst im 3. Versuch verstehe ich, dass der Eintritt für mich nur 10 statt 12 Franken kostet. Ein zynischer Thunfan würde jetzt anmerken, dass Thuner Niederlagen schon im Sonderangebot sind. In Lausanne habe ich noch doppelt so viel gezahlt.
Die Eingangskontrolle ist für mich persönlich angenehm – ich werde weder abgetastet, noch will jemand in meinen Rucksack schauen. Andere Fans dagegen werden genau unter die Lupe genommen – weshalb das aber ein Grund sein soll, fortan den ganzen Abend lang durch aggressives Verhalten aufzufallen, ist mir nicht klar. Dazu passt, dass es gleich zwei Zwischenrufe während der Trauerminute vor Spielbeginn gibt. Verdammt, da ist ein 28-Jähriger verstorben.
Der Match selber wird zum Trauerspiel im doppelten, ja sogar dreifachen Sinne. Thun ist chancenlos. Servette hat von Anfang an die besseren Chancen, ja die einzigen Chancen. Die ersten Schüsse gehen noch an Bettoni vorbei. Der finnisch-oberländische Volkstanz in der Veteidigung geht aber nicht lange gut. In der 19. Minute schiesst Vitkieviez das 1:0 – ein Kopftor nach einem Angriff. In der 30. Minute schiesst Boughanem das 2:0 – ein Kopftor nach einem Corner. Und in der 35. Minute erhöht Schneider gar auf 3:0 – ein Kopftor nach einem Freistoss! Dass Servette zuvor in 1170 Spielminuten nur 10 Treffer erzielt hat, muss nicht weiter erläutert werden. Die Genfer hatten bisher ja auch noch nicht die Freude, gegen das Thuner Abwehrbollwerk zu spielen.
In der 45. Minute setzt dann wenigstens Faye einen ersten Farbtupfer aus Thuner Sicht. Er sieht zum zweiten Mal an diesem Abend Gelb und fliegt vom Platz. Mit ihm wird auch gleich Trainer Baumann vom Spielfeldrand verwiesen. Schade eigentlich, dass wir die restlichen Spieler und Verantwortlichen nach der Pause nochmals 45 Minuten lang sehen müssen.
So sehen wir in der 52. Minute einen weiteren Angriff. N Tiamoah schiesst das 4:0. EIN KOPFTOR!!!
Dass Scarione in der 56. Minute mit einem Zufallsweitschuss auf 4:1 verkürzt, mutet direkt zynisch an. Wir rufen jedenfalls nicht „égalisez!“, sondern „Wir sind Thuner, was seid ihr!“
Und doch sind wir fast durchwegs die lautere Fankurve im Stadion. Gerade mal 1450 Zuschauer haben sich im Stade de Geneve verloren. 150 davon, wir Thuner, müssen noch eine weitere halbe Stunde leiden. Dann ist endlich Schluss. Es ist beim 4:1 geblieben. Wow…
Einziger positiver Schlusspunkt: Die Red White Boys halten ein Spruchband hoch, in dem sie Eldar Ikanovic für die Vertragsverlängerung danken. Im allgemeinen Gepfeife und Gemotze gegen die Mannschaft verziehe ich mich ins Stadioninnere. Noch weiss ich nicht, dass ein solches (unbewusstes) Versteckspiel die einzige Möglichkeit ist, nicht in eine Schlägerei zwischen Thunfans verwickelt zu werden. Verdammt noch mal, wo sind wir eigentlich!?! All die Fluchwörter schmerzen mich als langjährigen Thunfan. All die Faustschläge sowieso. Am meisten schmerzt aber folgende Aussage: „Dieses Spiel hat die Thuner Fankurve für immer verändert!“ Das dürfte leider stimmen.
Wehmütig kaufe ich mir ein Bier. Obwohl es mein einziges Bier ist, das ich an diesem Abend kaufe, erhalte ich den Becher geschenkt. Also ich verspüre jene negative Stimmung wirklich nicht, die angeblich vom Stadionpersonal ausgehen soll. Manche Fans machen sich das Leben wirklich selber schwer.
Als die beiden Fancars endlich das Stadiongelände verlassen, gehen wir Zugfahrer zur Busstation – und gleich wieder zum Stadion zurück. Es regnet zwar in Strömen, aber wir spüren alle das Verlangen, dass wir heute Abend unsere Spieler noch zur Rede stellen wollen, ja müssen. Doch der Mannschaftsbus ist nirgends mehr zu sehen. Wer weiss, vielleicht hat ja Trainer Baumann den Vorschlag eines Servettefans angenommen: „Mais, personnellement, si j'étais l'entraîneur de Thoune, mon équipe aurait fait le voyage de retour dans l'Oberland à pieds.“
Wir selber sind um halb Zwei in Thun. Doch, doch, der Ausflug hat sich gelohnt. Aber sicher nicht wegen der Mannschaft.

Ach, ich stelle mir einfach vor, dass wir den ganzen Abend im Wintergarten sitzen geblieben sind, weil uns das Heizöfeli ja so wundersam aufwärmt (oder ist es doch der Glühwein?) und unsere grösste Sorge ist, ob wir im McDonalds oder im Coop City aufs WC gehen sollen. Ach ja, und verirren kann man sich auf dem Weg vom WC zum Ausgang – ausgerechnet in der Unterwäscheabteilung. Oder will mir Suleyhund bloss durch die Dessous-Blume sagen, welches Weihnachtsgeschenk er sich wünscht?
„Chum mir nähme no eine!“ In diesem Sinne wünsche ich allen frohe Weihnachten und es guets Nöis. In der friedlichen Adventszeit will ich mich nicht über Thunspieler und Thunfans ärgern. Bis nächstes Jahr!