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Thun - Lugano 2:1
25.10.2015Super League 2015/2016


Chapeau an alle, die es heute pünktlich ins Stadion schaffen. Es ist nämlich nicht nur das Wochenende der Zeitumstellung, sondern auch der Stellwerkumstellung. Aus SBB- und BLS-Sicht sicher eine gute Sache. Problematischer wird’s, wenn man als Sportfans durch den Kanton Bern reisen will. Nach dem Eishockeymatch gestern benötigte ich 70 Minuten von Bern nach Münsingen (Kommentar von Fanclublegende zu meinem Ausflug: «Bi ig froh, dass Fribourg verlore het, denn de wird hüt üse FC Thun gwinne»), vor dem Fussballmach heute muss ich 20 Minuten früher als geplant aus dem Haus, weil stellwerkbedingt während Stunden kein Regioexpress in Münsingen hält. Da stellt man sich als Sportfan direkt die Frage, ob SCB- und Thun-Sponsor BLS nicht besser mehr Härzbuet (u Gäut) in die eigene Infrastruktur investieren würde statt in die Berner Sportvereine. Doch wie meinte doch gestern der Ersatzbus-Chauffeur in bester Berner bzw. Stadtberner Nonchalance: «Nume nid närvös wärde, dür Zytumstellig gwinnsch ja das Wuchenänd e Stund!».
Ob es wohl an der Berner Stellwerkumstellung liegt, dass heute nur knapp drei Dutzend Luganofans den Weg nach Thun auf sich genommen haben? Oder hat nach dem Hockeyderby von gestern Abend noch der halbe Kanton unerklärliche Kopfschmerzen? Jedenfalls ist nicht nur im Block Süd, sondern erst Recht unter den Luganofans eine Breaking News aus der Welt des Eishockey das Sportthema Nummer 1: Ambri-Piotta ersetzt heute Nachmittag kurzerhand Coach Serge Pelletier mit Hans Kossmann. Wer hätte wohl Anfang Saison darauf gewettet, dass der FC Lugano-Trainer Zdenek Zeman länger im Amt bleiben würde als die beiden Eishockeytrainer aus dem Tessin?
Und nach acht Minuten sitzt Zeman so sicher in seinem Chefsessel wie schon lange nicht mehr. Sieben Tage nach dem Triumph über St. Gallen scheint heute bereits die nächste Lugano-Überraschung Tatsache zu werden. Culina bringt seine Tessiner mit einem Flachschuss aus 17 Metern an Freund, Feind und Faivre vorbei auch hier in Führung. Dies notabene mit der ersten Tessiner Torchance. Das nennt man effizient.
Und auch hinten spielen die Tessiner clever. Bei den Thuner Angriffen lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen und lenken die Bälle abwechselnd links und rechts am Tor vorbei ins Aus. Schliesslich weiss man auch in der Südschweiz von der eklatanten Eckballschwäche der Thuner. Tor gegen den FCZ hin oder her. Was während knapp 20 Minuten und bereits fünf Thuner Eckbällen als Strategie aufgegangen ist, soll auch bei Thuner Angriff Nummer 6 das richtige Defensivkonzept sein. Und so herrscht auch alles andere als Panik im Lugano-Strafraum, als in der 20. Minute Zarate Eckball Nummer 6 der Thuner tritt. Der Ball kommt zu Wieser, der doch tatsächlich zum 1:1 einschiesst. Unser Jubel ist gross. Auch weil wir wissen, dass es heute kaum einen Eckballtor-Hattrick geben wird. Auch nicht in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, als Hediger den mittlerweile neunten Thuner Eckball tritt. Der Ball landet im Nirgendwo, worauf Schiedsrichter Schärer zur Pause pfeift – und wir Thunfans bei Wurst und bierähnlichem Getränk zugeben müssen, dass angesichts dieses Grümpelturniermätschlis der 1:1-Halbzeitstand durchaus dem Spielgeschehen entspricht.
Ich würde ja sogar so weit gehen, dass das Arena TV-Interview mit Küsu zumindest bis und mit Beginn der zweiten Halbzeit der optische Höhepunkt des heutigen Nachmittags ist. Klar, wer selbst von seiner Ehefrau mit dem legendären Mattäng verwechselt wird, macht sich natürlich auch auf der Grossleinwand gut. Optisch jedenfalls. Denn Küsu trifft einfach nicht den richtigen Ton. Oder besser gesagt: Wer auch immer Tontechniker in der Arena ist, macht seinen Job heute etwa so gut wie die BLS-Stellwerkumsteller. Man hört über die Lautsprecher nämlich praktisch nichts vom Interview. Und ruft Küsu da als Abschiedsgruss eigentlich Forza Lugano oder Hopp Thun? Der akustische Patzer ist aber vielleicht auch nur ein gewolltes Déjà-vu an die gute, alte und schwer verständliche Zeit im Lachenstadion…
Drehen wir zur Abwechslung mal selber an der Uhr und machen wir einen Zeitsprung zur 68. Minute. Da geht der heute glücklos auftretende Buess vom Platz. Munsy kommt für ihn in Spiel. Und noch während wir in der Kurve darüber diskutieren, ob jetzt Munsys Topform jeweils 10 oder 15 Minuten nach seiner Einwechslung anhält, verblüfft er uns bereits in der dritten Munsy-Spielminute mit einem Sololauf: Von Wittwer mit einem langen Pass lanciert, läuft Munsy an der Seitenlinie Richtung Strafraum und schiesst dann aus spitzestem Winkel aufs Tor. Sein Schuss ist voller Magie: Erst tunnelt er Lugano-Goalie Russo, dann prallt der Ball an den Pfosten – und landet von dort im Tor. Wow! 2:1.
Das Spiel dauert zwar noch 20 weitere Minuten, doch muss Thun nicht mehr gross zittern. Nicht einmal die Einwechslung von Frontino bringt wirklich Unruhe ins Spiel – mal davon abgesehen von unseren Fluchwörtern, als Frontino in der 80. Minute auf den Goalie statt ins Goal schiesst. Oder von unseren Fluchwörtern, als Frontino in der Nachspielzeit bei einem Zweikampf gegen Djuric sich noch eine Gelbe Karte holt und einen Freistoss verschuldet. Thun gewinnt das Spiel 2:1. Und die Statistiker unter uns stellen erstaunt fest: Obwohl Thun diese Saison bislang nur gegen Lugano, Vaduz und den FCZ gepunktet hat, reicht diese Ausbeute von insgesamt 14 Sforza- und Saibene-Punkten heute tatsächlich für den 6. Tabellenrang.
So steigt natürlich die Vorfreude auf das Cupspiel gegen Wettswil-Bonstetten. Es wird eine lange Reise werden – die SBB haben nämlich schon mal vorsorglich angekündigt, dass am Mittwochabend im Zürcher Säuliamt keine Züge fahren werden. Ja, ja, der Kluge fährt im… Busse!