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Dynamo Kiew - Thun 3:0
24.10.2013Europa League 2013/2014


Früh morgens wach ich auf 16 Uhr 10,
die ganze Welt scheint sich um mich zu dreh'n.
Nur im Magen fühle ich mich nicht so recht,
eins von den dreisich Wodkas gestern war wohl schlecht…

Heute sind wir Gebrüder Blattschuss. Und sehen im Spiegel so gut aus wie Ireesha Blochina. Mindestens. Unsere Brüste sind nach all dem Wodka schliesslich auch wieder gewachsen. Es ist immer ein gutes Gefühl in Kiew zu sein. Hauptsache Russland. Und im Gegensatz zu 2005 trollen und rollen wir nicht einmal mehr auf den Strassen herum – jedenfalls nicht mehr mitten in der Nacht. Da sich aber die Zeiten ändern und auch das Blaue Kreuz unter den Thunfans immer mehr Anhänger hat (Ruedli Löffel for Capo!), wollen wir hier nicht das Betrunkensein hochstilisieren, sondern den Spielbericht von einem Schreiberling verfassen lassen, der sich das Spiel nüchtern (also nur mit Bier) vor dem Fernseher angesehen hat. Diese Variante bietet sich allein schon deshalb an, weil sich 2013 niemand zu einer 40-Stunden-Rückreise im Car bereit erklärt hat, während der sich selbst der höchste Wodka-Pegel wieder abbaut und die Sinne wieder für den Fussball justiert werden können.

Heute sind wir Dani Kern. Oder besser gesagt: Dani Kern wird zu jenem Teil der Thunkurve, die grundsätzlich mal jeden Thuner Auftritt negativ bewerten und nur durch Tore mild zu stimmen sind. Kern stört sich an den Fouls der Thuner, die Beweis dafür seien, dass die Thuner vom Tempo überfordert seien (nur gibt’s in diesem Spiel zweimal Gelb gegen Thun und dreimal Gelb gegen Kiew). Kern nervt sich über die totale Überlegenheit der Kiewer (nur weist die Statistik nach 45 Minuten gerade mal ein Torschussverhältnis von 2:0 auf. Zudem spielt sich Thun - und nicht etwa Kiew - einen Eckball heraus). Und Kern bemängelt das Thuner Abwehrverhalten, obwohl Kiew im Strafraum den letzten Pass nie spielen kann und deshalb das Heil in Weitschüssen sucht. Ich komme schon nach 20 Minuten zum Schluss: Wenn hier vor der Pause ein Tor fällt, muss das schon ein Weltklassetreffer sein. Leider ist es in der 35. Minute soweit: Yarmolenko bekommt im Mittelfeld «etwas Freiraum» - sprich Secku passt nicht auf - und knallt den Ball aus 25 Metern ins Tor. Ein Weltklassetreffer. Es steht 1:0.
Da in der Pause auf SRF2 nur die Frage interessiert, ob ein erfolgloser Österreichischer Nationaltrainer ein erfolgreicher Schweizer Nationaltrainer sein könnte, schalte ich auf TSR2 um. Dort analysiert Trainerlegende Gérard Castella das Spiel. Sein 5-Minuten-Fazit unterschiedet sich so ganz vom Nörgler-Feuerwerk des Dani Kerns: Er lobt (!) die Defensivleistung der Thuner und betont, dass Kiew in 45 Minuten lediglich zwei gefährliche Schüsse aufs Tor abgeben konnte. Bei Thun bemängelt er einzig die zu vielen Ballverluste im Mittelfeld und geht vor allem mit Secku hart ins Gericht. Auch beim Tor habe Secku den entscheidenden Fehler gemacht. Er macht aber auch Hoffnung: Er hat in der Achse von Kiew eine Anfälligkeit ausgemacht, die es auszunützen gelte. Was sagt dagegen auf dem anderen Kanal Trainerlegende Andy Egli in seiner 30-Sekunden-Analyse? Faivre hätte beim Tor vielleicht doch den Ball abwehren können. Und es sei schon erstaunlich, wie ernst Kiew Thun nehme. Basel sei von russischen (!) Teams jedenfalls jeweils unterschätzt worden. Weiterer Kommentar zwecklos…
In der zweiten Halbzeit wird Thun leicht offensiver und Dani Kern leicht defensiver. Wahrscheinlich hat er sich damit abgefunden, dass Thun hier das Spiel nicht dominieren kann, will und darf. Zumal bald das 2:0 fällt. Danilo Silva flankt über rechts zur Mitte, wo MBokani das Duell gegen Reinmann für sich entscheidet und zum 2:0 einköpfelt.
Und in der 78. Minute zeigt sich, wie schnell heute ein Thuner Offensivfeuerwerk verpufft wäre. Bei einem Freistoss sind viele Thuner in der Offensivzone – und fehlen natürlich beim darauf folgenden Ballverlust hinten. Der Konter sitzt: Gusev erzielt das 3:0. Aus Respekt vor den Thunern - oder hat er schlicht pro Spiel ein 1-Tor-Soll zu erfüllen - lässt sich Gusev, der erst gerade 10 Minuten vorher auf den Platz gekommen ist, gleich wieder auswechseln. Mehr Ausdauer haben da die Thunfans, welche die ganzen 90 Minuten im Stadionrund aushalten. Manche haben aber schon etwas ziemlich bleiche Gesichter. Was aber weniger mit den drei Gegentreffern, sondern mit den drei (oder dreissig) Wodkas zusammenhängen könnte. (BTW: Freiheit für alle Schlagzeuger).

Als das 3:0 feststeht, sorge ich mich aber mehr über die Gesundheit von Dani Kern. Was, wenn sich unser Dauernörgler jetzt noch das St. Gallen-Spiel anschaut samt 4 Gegentoren und 3 Goalieflops in den 30 Startminuten? Startet er gleich eine Petition zur Abschaffung sämtlicher Schweizer Fussballteams? Oder wird doch alles besser, wenn der Österreichische Nationaltrainer Schweizer Nationaltrainer wird? Rapid hat schliesslich in Genk 1:1 gespielt. Hauptsache Österreich.