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Thun - YB 2:2
01.06.2013Super League 2012/2013


Für das si mir Thunfans (BTW, Freiheit für alle Schlagzeuger)!

Ich wart seit Wochen, auf diesen Tag… der Regen hat aufgehört. Im Fanshop schreiben Bättig und Demiri vereinzelt Autogramme. Draussen beim Eingang versucht Schizo im Ausverkauf sein Araber-Glück, in dem er den Preis einer Mütze herunterzuhandeln versucht. Das Problem ist nur, dass die junge Dame im Lüthi-Dress nicht mal weiss, ob und wie stark der Verkaufspreis von 20 Franken eigentlich schon verbilligt ist. Beim Bierstand wird auch gerechnet, wobei Punkte statt Frankenbeträge gezählt werden. Bei unseren hypothetischen Tabellenmanövern diskutieren wir nicht etwa über das Risiko, inwiefern Thun noch auf Platz 6 zurückfallen könnte, sondern rechnen nach, bei welchem Resultat YB noch auf Platz 8 plumpsen könnte.

Vor allem aber trinken wir in geselliger Runde unser Bier. Ein jeder hat sein Carlsberg in der Hand, doch trinke ich als einziger nicht aus einem «No ä Chrutze meh»-Becher. Ich schlürfe stattdessen aus einer stark verbeulten grünen Dose, die ich aus dem Wallis direkt importiert habe. Ja, jetzt schaust du blöd aus der Wäsche, lieber blindwütiger Sion-Glatzkopf. Hoffe, dieser gut geschüttelte Zaubertrank sorgt dafür, dass Sion heute Abend endgültig in Depressionen verfällt. Derweil dringen aus dem Stadion Buhrufe und Pfiffe. Wir rätseln, ob die YB-Elf oder bloss Steffen DIE ARENA betreten hat. Aber da liegt der Unterschied sowieso nur im Detail.

Langsam müssen wir uns beeilen. Schliesslich kriegen heute nur die schnellsten 6000 Fussballinteressierten einen Platz im Stadion (*Augenzwinker*). Und damit der Blick nicht auf die Idee kommt, die tatsächlich Anwesenden nachzuzählen, starten wir im Fanblock mit einer Choreo ins Spiel. Wer mitmacht, erhält erst noch den wertvollen Ratschlag, die rote Seite des A4-Blatts nach vorne zu halten. Und auch die YB-Fans machen beim Zuschauertrick mit und nebeln ihre Seite des Stadions gelb-grau ein.

Einige Spieler werden verabschiedet. Nicht aber derjenige, der von allen auf dem Platz in seiner Karriere die meisten Thun-Spiele absolviert hat: Mändu Raimondi. Es «Merci Mändu – Für immer eine vo üs» o vo üs. Steffen dagegen pfeifen wir aus, als er für seinen Kurzaufenthalt ein Gli-uf-em-Bänkli-Gschänkli erhält. Als auch noch Schiri Kever vorsorglich ein paar böse Worte abbekommt, sind unserseits sämtliche Sympathien verteilt. Das Spiel kann beginnen.

Thun beginnt verhalten. Etwas mehr Ballbesitz, aber kaum Chancen. Die erste grosse Szene gehört den Bernern. Wie schreibt doch der sport.ch-Livetickender: «Ein peinlicher Eckball der Gäste; Constanzo versucht's mit der kurz ausgeführten Variante, doch der 5-Meter Pass kommt nicht zu Frey. Eine verschwendete Torchance.» Allerdings hat YB auch bessere Szenen. Vor allem Sämi Afum ist ein Gefahrenherd. Und dann passiert es tatsächlich in der 28. Minute: Gerndt erkämpft sich auf der linken Seite den Ball, schlägt den Ball zu Sämi, der per Kopf das 0:1 erzielt. Er ist in dieser ersten Halbzeit definitiv der beste Spieler. Allzu lange bleibt der Sämi aber nicht mehr auf dem Feld. Erst humpelt er, dann fällt er zu Boden. Wir vermuten ein Zeitspiel à la Stahel. Doch in der 43. Minute schleicht er vom Spielfeld. Thun spielt kurz in Überzahl, dann wechselt YB Nuzzolo für Sämi ein.

Pause. Trotz 0:1 Zeit zum Feiern. Die Jungs von Wacker Thun marschieren mit ihrem Kübel – nur echt mit der Inschrift «Wanderpokal» - auf den Platz. «Meischter, Schwitzer Meischter» stimmen wir an. Und «Mir si Thuner, kener Bärner». Die Welle schwappt durchs 6000er-Stadion.

Die zweite Halbzeit beginnt. Thun liegt zwar hinten, krallt sich aber noch auf dem fünften Platz fest. Heisst es jedenfalls gerüchteweise in der Kurve. Denn beim FC Thun hat man sich entschieden, den Totomat zu zensurieren. Das Ergebnis von Sion – FCZ wird konsequent nie eingeblendet. Zeit für Plan B: Meine Freundin erhält den wichtigsten Totomatauftrag seit dem legendären Aufstiegsspiel in Gossau. So setzt sie sich vor den Computer und schaut sich das Spiel Sion – FCZ in einem verwackelten Livestream an. Und fast scheint es so, als würden die ruckhaften Bilder gleich das ganze Tourbillon durchschütteln. Die nächsten Minuten sind Fussball verrückt – und das nicht nur in Thun, wo das Heimteam immer stärker wird.

21.38 Uhr: 1:0 für den FCZ in der 50. Minute durch Gavranovic!!!

Grosse Erleichterung für uns. Und dann kommts noch besser. Luca Zuffi wirbelt im Berner Strafraum und bringt den Ball schliesslich zu Steffen, der den Ball direkt ins Netz hämmert. 1:1. Wir liegen uns in den Armen. «Hast du gesehen, wer getroffen hat? Ist es konsequent, jetzt zu jubeln?» lästert Redman. Für mich dagegen ist klar: «Als Fussballfan bin ich doch nicht konsequent.» Und als der Speaker den Namen des Torschützen verkündet, ertönen in der Kurve sogleich Buhrufe.

21.39 Uhr: Wie gewonnen, so zerronnen. 1:1.

Gleich im Anschluss an den Ausgleich vergibt Schneuwly den Führungstreffer nach einem Fehler von Nef. Er versucht den Berner Goalie zu loben, doch der Ball fliegt haarscharf am Pfosten vorbei.

21.40 Uhr: Tollhaus Sion. 2:1 für den FCZ.

Thun gleich nochmals mit einer riesigen Chance: Hediger lanciert Wittwer, der alleine Richtung Wölfli losziehen kann. Und es kommt noch besser: Sein einziger Verfolger ist Schneuwly, weshalb Thun sogar zwei Abschlussvarianten hat. Das muss das 2:1 ein. Witter schiesst… und trifft Wölfli.

21.46 Uhr: Oh je: 2:2.

YB im Gegenangriff. Nuzzolo spielt die Thuner schwindlig und bringt den Ball zu Frey. Dieser verwertet eiskalt zum 1:2. Statt Thun liegt wieder YB in Führung – völlig entgegen dem Spielverlauf. Und langsam ist es wirklich zum Haareraufen, was Thun für Chancen auslässt. Auch als Schneuwly wieder alleine auf Wölfli losziehen kann, will der ersehnte zweite Treffer nicht fallen. Dieses Mal rettet Veskovac mit dem Fuss. «Was ist bloss mit der Thuner Offensivabteilung los?» fragt sich der Her (oder die Dame?) vom sport.ch-Liveticker. Bruno dagegen weiss, was jetzt angebracht ist: «Heute braucht es Hass. Also positiven Hass.»
Thun gibt sich nicht auf: Ein toller Freistoss von Lüthi. Wölfli fischt den Ball in extremis aus dem Lattenkreuz. Anderswo aber…

21.59 Uhr: Scheisse… 3:2 für Sion.

Am ersten Mal an diesem Abend ist Thun in der Blitztabelle von Sion überholt worden. Nicht wenige von uns sind plötzlich mehr weiss als rot im Gesicht. Und es kommt noch schlimmer:

22.12 Uhr: 4:2 für Sion
22.13 Uhr: Hoffentlich kann Thun den Ausgleich erzielen. Hopp Thun!

Ja, das wünschen wir uns alle. Doch YB zeigt jetzt ein Zeitspiel von der übelsten Sorte. DIE ARENA tobt, als sich Wölfli minutenlang am Boden wälzt. Dabei sind doch keine fünf Minuten mehr zu spielen. Thun wechselt derweil nochmals. Für den Verteidiger Schindelholz kommt… der VERTEIDIGER Matic! Wir verstehen die Welt nicht mehr. Konzentriert sich Fischer jetzt noch aufs Resultatehalten. Doch Küsu bemerkt als Erster: «Matic ist doch für seine Kopfbälle bekannt, schau wie er nach vorne rennt…»

Thun kommt tatsächlich noch mal zu einem gefährlichen Angriff. Erneut zaubert Zuffi am Ball, bringt ihn in den Strafraum zu… ja zu Matic…. der zwar nicht mit dem Kopf, aber mit dem Fuss den Ball mit aller Coolness dieser Welt ins Netz schlägt. 2:2. Jubelszenen auf dem Platz und auf den Steh- und Sitzplätzen. 90 Minuten sind gespielt.

22.19 Uhr: Der FC Sion gewinnt 4:2 gegen den FCZ. Tut mir leid das Ganze. Im Forum steht schon, dass das Meisterschaftsverfälschung ist.
22.20 Uhr: Wow!!! 2:2. Stimmt das????? Ach wäre das schöööön. Bravo!!!!

Vier Nachspielminuten werden angezeigt. Doch ins Zittern kommen wir nicht mehr. Thun spielt clever an der Seitenlinie und wechselt von einer Eckballfahne zur anderen. Das muss es doch, das muss reichen, es… REICHT. 2:2. Thun steht im Europacup.

Nach dem Spiel wird aus dem Skorer Matic der Capo Matic. Er stimmt einen Schlachtruf und das Uffta an. Die Mitspieler hören aufmerksam zu, auch wenn sich einige von ihnen wegen Matics eigenwilligen Betonungen vor Lachen am Boden krümmen. Gewöhnungsbedürftig ist auch die Buchstabenchoreo der Thunspieler. Jeder zieht sich ein Shirt mit einem bestimmten Buchstaben oder Satzzeichen an. Nur findet lange niemand heraus, welches Wort sie zusammen pantomimisch darstellen wollen. Irgendein osteuropäischer Schlachtruf in Anspielung auf unseren nächsten Gegner? Schliesslich ist die Lösung aber gefunden: «! M E R C I V I U M A U !» Schliesslich geht’s ab auf die Ehrenrunde durchs Stadion. Über die Lautsprecher ertönt die Hosen-Stadionhymne «Tage wie dieser».

Lange wird im Stadion gefeiert. Vielleicht zu lange. Es folgt analog zum Shuttlebus-Skandal vom letztjährigen letzten Heimspiel ein erneuter STI-Fauxpas: Als der allerletzte Linienbus, der 23.48er, beim Stadion hält, warten dort viel zu viele Fans für ein so kleines Fahrzeug. Wir geben beim «Zämerütsche» zwar unser Bestes, aber für zwei Dutzend Personen findet sich trotzdem kein Platz. Dementsprechend laut wird ein Fan gegenüber dem Chaffeur, ehe er frustriert von dannen zieht.

Wir feiern in der Innenstadt noch lange weiter. Und zwar bei Hidir im Cafe Zentral. Hier sind mal wieder (oder immer noch?) die Handballmeister vom letzten Wochenende unterwegs. Während Redman und ich je eine Stange Bier bestellen, bestellt der Wacker-Captain einen Pokal voll Gummibärli. Das passende Gefäss hat er gleich mitgebracht, den Meisterkübel. Und während wir über nationale und europäische Sportglanztaten philosophieren, bittet er uns, einen kräftigen Schluck aus dem Pokal zu trinken – vorsichtshalber per Röhrchen. Doch, doch, an solche Feiern könnte ich mich gewöhnen.

Kurz vor halb Zwei gehe ich an den Musikautomaten. 13 Credits sind immer noch drin, doch den Wacker-Spielern sind die Liederideen ausgegangen. Da wähle ich zielsicher die Hosen-Hymne. Sie ertönt sogleich. Und wir stimmen gemeinsam an…

«Ich wart seit Wochen, auf diesen Tag
und tanz vor Freude, über den Asphalt
Als wär's ein Rythmus, als gäb's ein Lied
Das mich immer weiter, durch die Straßen zieht
Komm dir entgegen, dich abzuholen, wie ausgemacht
Zu der selben Uhrzeit, am selben Treffpunkt, wie letztes mal

Durch das Gedränge, der Menschenmenge
Bahnen wir uns den altbekannten Weg
Entlang der Gassen, zu den Rheinterrassen
Über die Brücken, bis hin zu der Musik
Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudreh'n
Wo die Anderen warten, um mit uns zu starten, und abzugeh'n

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit
Wünsch ich mir Unendlichkeit

Das hier ist ewig, ewig für heute
Wir steh'n nicht still, für eine ganze Nacht
Komm ich trag dich, durch die Leute
Hab keine Angst, ich gebe auf dich Acht
Wir lassen uns treiben, tauchen unter, schwimmen mit dem Strom
Dreh'n unsere Kreise, kommen nicht mehr runter, sind schwerelos

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit
In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht
Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht

Kein Ende in Sicht
Kein Ende in Sicht
Kein Ende in Sicht

An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit
In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht
Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht
Erleben wir das Beste, und kein Ende ist in Sicht
Kein Ende in Sicht..»