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Thun - 1. FC Köln 2:2
09.07.2011Testspiele 2000 bis 2017


CHÖMET GIELE.

Der erste Gänsehautmoment in der Arena Thun: In der 72. Minute scheint der x-te Angriff der Thuner verpatzt. Der Ball fliegt rechts am Tor vorbei und scheint im nächsten auch die Torlinie hinter sich zu lassen. Jeder Stürmer dieser Welt würde den Ball verloren geben. Doch Milaim, der Unerschrockene spurtet ausgerechnet diesem Schuss hinterher. Die Köln-Verteidiger haben für diesen Zusatzeffort nur ein müdes Lächeln übrig. Doch tatsächlich: Milaim holt sich den Ball noch und passt ihn geradewegs vors Tor. Dort steht Hediger und schiesst den Ball zum 1:1 ins Netz. Die Spieler jubeln und umarmen sich, die Zuschauer schreien sich all die bisherige Eröffnungsfestlangeweile vom Leib. In diesem Moment fühlen Fussballer wie Fans, das hier und nur hier das neue Zuhause des FC Thun ist. Und mittendrin agiert Milaim Rama als Wirbelwild.
Und wenn er bei einem Thuner Angriff mal nicht den Ball hat, steht Rama instinktiv richtig. Als in der 78. Minute einer seiner Teamkollegen davon profitiert, dass ein Kölner vor dem Strafraum ausrutscht (ob der wohl eine Kunstrasenphobie hat..), ahnt Rama den nächsten Pass voraus. Der Ball kommt in die Mitte, wo Rama seelenruhig zum 2:1 einschiessen kann. Gross ist da die Freude auf und neben dem Platz. Ich bin beeindruckt von der Lautstärke des Freundengeschreis. Lydia dagegen wird tags darauf sagen, dass im Gegensatz zu den Lachen-Spielen die Thuner Jubelschreie nicht bis zu ihr nach Hause gedrungen seien. Dabei wohnt sich doch näher beim Magic-X, als beim Thunersee.
Erst nach einer Stunde ins Spiel gekommen, wird Rama somit zum Held des Tages. Einerseits stellt er Lustrinelli in den Schatten, der bei seinem Comeback zwar eine gefällige Leistung zeigt und mit seinen durchaus noch schnellen Sprints Gegenspieler wie Fans beeindruckt. Doch im Strafraum will ihm einfach kein Überraschungsmoment gelingen. Andererseits überstrahlt Rama auch den Poldi, der ebenfalls in der 62. Minute auf den Platz gekommen ist. Der versucht zwar artig mit den anderen mitzuhalten, aber Akzente setzen kann er angesichts seines Trainingsrückstands keine. Doch was solls, die Bundesligasaison startet ohnehin erst am 5. August.
Und doch gibt sich Köln nicht geschlagen. Schliesslich sind 100 singende, zündende und leider auch den Gästesektor versprayende Fans mitgereist , da müssen die kölsche Jungs auf dem Platz schon noch was zeigen. Und so drücken sie in der Schlussviertelstunde nochmals aufs Tempo. Als ob sie beweisen wollten, dass nur für deutsche Frauen ein überraschender Rückstand Anlass zum Drauflosheulen ist. Nur sollte man bei den Angriffsbemühungen das Verteidigen nicht ganz vergessen. So zappelt der Ball auch gleich noch ein drittes Mal im Kölle-Netz. Erneut ein schönes Tor, das aber zum Entsetzen von uns Thunfans nicht zählt. Offside? Ja wo denn?! Schiedsrichter Zimmermann und seine Fähndlimannen hätten besser dann genauer hingeschaut, als in der ersten Halbzeit ein Thunspieler penaltyreif gefoult worden war. So stehts halt weiter 2:1. Die Kölner greifen weiter an und bringen Da Costa und seine Vorderleute noch einige Male in Bedrängnis. Ja leider einmal zu viel, Pedro Geromel schiesst kurz vor Abpfiff doch noch zum 2:2 ein.
Dabei hatte doch anderthalb Stunden vorher das «Team Andres Gerber» bewiesen, wie man einen 0:1-Pausenrückstand in einen diskussionslosen 2:1-Sieg verwandeln kann. Gerber hatte ein paar alte Weggefährten wie Hodzic, Cerrone, Moser, Baumann und Hänzi zusammengetrommelt, um sich in einem Plauschspielchen mit einem von Gilbääääääääääär Gress trainierten Altherrennationalteam zu messen. Doch während Monsieur Gress am Spielfeldrand angeregt seinem «Team 4 Suisse». taktische Anweisungen gab (oder waren es vielleicht Frisurentipps), überliess Gerber die faulen Trainersprüche der Voralpenlegende Budi Latour und schnürte selber die Fussballschuhe. Schliesslich war das Spiel ja nur auf 2 x 25 Minuten angesetzt. Nur fühlten sich dummerweise die ersten 25 Minuten länger an als so manche NLA-Halbzeit. Kurzum: Es passierte praktisch nichts auf dem Rasen! Am meisten Einsatz zeigten noch die beiden Torhüterlegenden Karl Engel und Alain Portmann, während die Bergpreis-Schussversuche der Stürmer schon fast kläglich an die Frauen-Fussball-WM erinnerten. Und wie forderte doch meine Freundin: «Die sölled mal faule!» Doch blieb nur Disco-Cerry einmal liegen – und auch dies nur, weil er von der holden Sandra gepflegt werden wollte. In Führung ging dann das «Team 4 Suisse» dank einem wundervollen Heber von Thomas Bickel. Mit einem 0:1 gings in die Pause, die durch ein (zweites) Platzkonzert der Thuner Kadettenmusik verkürzt wurde. «Fulehung. Fule-hung-hung!»
In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel engagierter. Und nach einem mal etwas härter geführten Zweikampf entschied Schiedsrichter Grossen gleich auf Penalty für das «Team Andres Gerber». Der legte sich höchstpersönlich den Ball zurecht und versenkte ihn im Netz. 1:1! Das war das Startsignal für ein paar schöne Spielzüge seiner Kameraden, wobei man halt schon merkte, dass die (zu) alten Gegner immer langsamer wurden. Und so fiel auch das 2:1 für die Gerbers – erneut geschossen von Anders Gerber himself. Als Doppeltorschütze war er somit neben Rama der zweite Held des Tages.
Helden des Tages waren aber auch Freddy Nock, der hoch über dem Stadionrasen auf einem Seil spazierte. Oder Gölä und Jimmy Hofer, welche auf ihren Harleys gleich mehrmals ums Spielfeld kurvten. Wohl deshalb wurde also Kunstrasen verlegt: Damit Gölä den Ankick machen konnte und anschliessend auf seiner heissen Maschine übers Spielfeld heimwärts (bzw. an eine Cervelatprominenz-Verlochete auf dem Thuner Rathausplatz) fahren konnte. Helden des Tages waren aber auch jene Chauffeure, die in den Shuttle-Bussen am Steuer sassen. Das Verkehrskonzept funktionierte bestens.
Kein Lob konnte dagegen die Gastronomiecrew einheimsen. Oder wie meine Freundin diplomatisch sagt: «Das Catering war das schlimmste Catering, das ich jemals in meinem Leben ertragen musste. Ich musste 45 Minuten lang anstehen. Das ist ein Skandal, so geht man mit dem Radisli nicht um!!!» Und das kam so: Während dem Prominentenspiel klagte sie, dass es ihr langweilig sei. So ging sie gleich bei Abpfiff ca. um 17.30 Uhr los, um für uns zwei Getränke, eine Bratwurst sowie ein Käsesandwich zu holen. Danach war sie spurlos verschwunden. Sie verpasste das Einspielen der Mannschaften, Göläs Ankick um 18.00 Uhr, ja sogar das erste Tor des Spiels, das Kölns Topskorer Milivoje Novakovic in der 5. Minuten erzielte.
Und sie verpasste meinen Ärger mit einem Teil der Zuschauer. Da konnte ich schon wegen dem Ticketcornerchaos nicht in die Fankurve, weil nun mal nicht jeder über die Auffahrtstage Internetzugriff hat. Und dann sollte ich einfach mal schlucken, dass ich von einem 2. Reihe- und 60 Franken-Platz aus das halbe Spielfeld nicht sehen konnte, weil zwei Dutzend gratis anwesender Frutiger-Leute direkt hinter dem Arena-Laufgitter am Spielfeldrand standen. Ja, wenn sie sich denn wenigstens fürs Spiel interessiert hätten. Sie schrieben aber SMS, hatten den Rücken wegen irgendeiner Diskussion vom Spielfeld weggedreht oder führen ihr «Capital FM 97,7 – YB Viertelstund»-T-Shirt provokativ spazieren. Und weil sie sich nicht einmal von der gelbgekleideten Helferin überzeugen liessen, dass Thunfans für 60 Franken mehr sehen wollen als irgendwelchen YB-T-Shirt-Schund, musste der Helferstab die Bronchos herbeirufen. Als ob die nicht genug mit (im Übrigen peinlichen) Handgemengen im Stadion zu tun gehabt hätten. Nach 10 Spielminuten hatte ich dann wieder freie Sicht aufs ganze Spielfeld. Nur meine Freundin war immer noch nicht da. Um etwa 18.15 Uhr kam sie schliesslich zu unseren Plätzen zurück – mit einer Bratwurst und einem Schinkensandwich. Käse (und auch Salami) war schon aus.
Für mich zwar kein Anlass zum Motzen, aber als ich am Sonntag wieder raus zum Stadion fahre, packe ich mal vorsorglich 2 Liter Süssgetränke und einen Sack Biberli ein. Das Leben ist zu kurz, um es in langen Warteschlangen zu verbringen. Doch (zu) lang steht man nur beim Stadionbesichtungstreffpunkt an, weshalb ich kurzerhand auf die Führung verzichte. Allein der frei zugängliche Stadionbereich ist Augenweide genug. Was für ein schöner Bau, was für ein Fussballtempel! Und als ein heftiges Gewitter einsetzt, bleibe ich einfach sitzen und werde überhaupt nicht nass. Hatte Thun je ein schöneres Stadion!? An den alten FC Thun-Wohnsitz erinnert mich heute eigentlich nur das «R.I.P.-Lachen»-Shirt, das Gölä den ganzen Tag zur Schau trägt. Ach, kauf dir doch demnächst was Aktuelleres aus dem überaus breiten Fanshopangebot für Fans von 9 Tagen bis 99 Jahren. Es muss ja nicht gleich der schwärzlich-verfärbte Schal oder das grosse gelbe Stern-T-Shirt sein, das Kevin übergezogen hat.
Wenn zur Abwechslung wieder die Sonne scheint, vergnüge ich mich vor der Bühne, auf der eher unbekannte, aber umso unterhaltsamere Bands wie zum Beispiel die Halunke-Giele «so wie die Grosse» spiele. Und ich bin entgegen allen Vorsätzen doch insgesamt länger als 45 Minuten an den Verpflegungsständen. Nicht weil die Wartezeit wieder derart lang wäre, aber weil es halt die Bierbecher immer mal wieder zu füllen gilt.

NO Ä CHRUTZE MEH.