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Amicitia Riehen - Thun 0:4
19.09.2009Schweizer Cup 2009/2010


Wie wird eine Reise an ein Schweizer Cup-Spiel zu einer internationalen Fanfahrt mit einer ordentlichen Portion chaotischer Italianita? Indem man die Fanreise so plant, dass man mit dem Cisalpino reist. Wer wie Sanel über 90 Franken für ein Ticket nach Basel und zurück zahlt, will schliesslich was erleben unterwegs. Wobei wir die Cisalpino-Verantwortlichen hier nicht kritisieren wollen: Der Zug fährt in Thun überpünktlich ab, also mit nur sieben Minuten Verspätung. Da verzeihen wir dem Zugteam auch, dass die 2. Klasse völlig überfüllt ist. So nimmt unsere 15-köpfige Reisegruppe halt an der Bartheke im Speisewagen Platz beziehungsweise Stellung. Eine Kleinigkeit, 90 Cisalpino-Minuten lang von Thun nach Basel zu stehen. Zumal die Bardame beste Unterhaltung bietet. Wo lernt man schneller so viele italienische Fluchwörter als in einem Cisalpino? Wieso sie allerdings italienische DVDs in ihrem Angebot hat, aber keinen Grappa, ist mir schleierhaft.
Rekordverdächtige 100 Minuten benötigen wir nach Basel. Eine Topleistung. Andere Thunfans treffen derweil bereits in Riehen ein. Dumm nur, dass das Spiel im Buschweilerhof in Basel stattfindet. „Wir hätten ja so gern hier gespielt, aber der Sicherheitsverantwortliche des FC Thun war dagegen“, erzählen die Kleinbasler Fussballexperten. Eine traurige Geschichte, die zu Herzen geht – und eine plumpe Erfindung ist. „Natürlich hätten wir auch in Riehen gespielt“, meint dazu… der Thuner Sicherheitsverantwortliche. Er bestätigt also, dass sicher nicht die Thuner Schuld daran sind, wenn im Riehener Fussball- und Leichtathletiktempel der Turntag des TV Riehen Vorrang hat und im Rankhof Behindertentag ist.
Lügen Basler etwa? Am Basler Bahnhof will ich das Tram 2 Richtung Zoo nehmen. Reisezeit inklusive Weiterfahrt mit Bus Nummer 36: 18 Minuten. Meine Quelle, die ich für kompetent halte: www.sbb.ch. Meine Mitreisenden glauben aber lieber den Baslern. Zuerst suchen sie die Nummer 6, welche vom Gastgeberclub empfohlen wurde. Dumm nur: Am Bahnhof fährt gar kein Sechser. Dann hören sie auf einen Rentner, der den Zeitspartipp "Tram Nummer 1" gibt. So fahre ich alleine mit dem Zweier los… als ich bereits im Stadion bin, wollen wir meine nach wie vor tramfahrenden Kumpels immer noch weiss machen, dass sie schnell unterwegs sind.
Das Eintrittsticket gefällt mir. Es kostet 10 Franken, ist rot-weiss designt und das FC Thun Logo ist natürlich grösser, als das des Heimklubs. Weitere angenehme Überraschung: Meine Cola light-Petflasche kann ich problemlos mit rein nehmen.
Wir positionieren uns hinter dem Riehen-Tor. Taktisch geschickt direkt vor dem Dixie-Klo und etwa 200 Meter vom Bierstand entfernt. Schon nach wenigen Minuten werden wir aber als Stammgäste anerkannt und werden fortan bedient. Zu zweit nimmt das Servicepersonal jeweils unsere Bestellungen auf. Kein Wunder, verlieben sich die Junggesellen unter uns auf Anhieb in das „Fräulein“. Oder liegts vielleicht doch an dem engen Kleid und den grossen… Servierbrettern?
Der ganz grosse Cuphit ist das Spiel schon zuschauermässig nicht. 635 Leute haben sich an den Spielfeldrand verwirrt, obwohl der grosse FCB doch erst tagsdarauf im Einsatz steht. Doch alle Basler, die wir fragen, sind ohnehin keine FCB-Fans. Entweder gehören alle zur Kloschen Grossfamilie oder die Basler nehmen es mit der Ehrlichkeit mal wieder nicht so genau.
Die Stimmung am Spielfeldrand ist gut. Wir Thuner singen ordentlich laut, eine Basler Fangruppe macht sich mit einem Megaphon bemerkbar. Und zuerst jubeln tatsächlich die Einheimischen: Nach etwa 20 Minuten hat Amicitia Riehen eine gute Chance, in Führung zu gehen. Doch der Schuss geht am Tor vorbei.
Da zeigt sich Kukuruzovic in der 32. Minute treffsicherer. 0:1. „Die Entscheidung“, sind wir überzeugt. Da gönne ich mir doch kurz vor der Pause eine Mahlzeit. Ich stehe für eine Bratwurst an, die heimischen Jungs neben mir möchten lieber Pommes Frites. Als jedoch der Grillmeister die Pommes Frites-Schüssel fallen lässt, reagiert der Fan neben mir rasch: „Ich nehme doch ein Hot Dog und keine Frites.“ Trotz dem Malheur fällt meine (poetische) Gastrokritik positiv aus: Die 6-Franken-Wurst ist ebenso fein wie der 21-Franken-Wein.
Der Auftakt nach der Pause ist hektisch. Sekunden nach dem Wiederanpfiff jubeln die Thuner bereits wieder. Zahnd hat das 0:2 gezielt – hoffentlich haben wenigstens die Heimfans das Tor gesehen.
Die Bezeichnung „Heimfans“ wird aber heute sowieso ad absurdum geführt, kaufen sich doch einige „Thunfans“ ein Amicitia-Trikot. Es kostet halt nur 30 Franken, ui ui ui ist das Schnäppchen. Okay, wenn wir uns in Erinnerung rufen, was Sanel für einen Cisalpino-Stehplatz bezahlt…
Da ertönt bereits wieder ein Pfiff. Aha, Penalty. Scarione legt sich den Ball zurecht, zielt in die rechte Torecke… und sieht wie Riehen-Goalie Allenbach den Ball gekonnt abwehrt. Immer noch 0:2.
Viel mehr als das Resultat interessiert uns mittlerweile das Lächeln der Servierdame… und das Zwischenresultat aus Münsingen. Dort stehts nämlich 1:1 nach 90 Minuten. Gelingt der grosse Coup gegen Aarau? Das wär ja was! Vorderhand fallen dort aber keine FCM-Tore, sondern ganz ganz viele Regentropfen. Umso mehr geniessen wir das Bilderbuchwetter in Basel.
In der 66. Minute darf wieder gejubelt werden. Roux erzielt das 0:3. Das ist nun definitiv die Entscheidung, Riehen ist stehend k.o. In der 78. Minute weiss sich Amicitia-Spieler Bregenzer nur mit einem Notbremse-Foul zu helfen. Rote Karte für ihn – Freistoss für die Thuner. Und dieses Mal trifft Scarione. 0:4.
Ein Happyend. Und doch überlassen wir den heimischen Kindern den Platzsturm nach Spielende. Ermutigt, das Spielfeld zu betreten, fühlen sich ausgerechnet jene Thuner Jungs, die sich ein Amicitia-Dress übergezogen zu haben. Ausgerechnet sie wollen Hand in Hand mit unseren Spielern vor der Kurve eine Welle machen. Aber hallo!?
Minuten später bin ich schon auf dem Heimweg – leicht betrübt, weil Münsingen in der Verlängerung doch noch 1:3 verloren hat. Das Thundress ziehe ich schon im Tram aus, diesen Gesundheitstipp habe ich schliesslich mal im FCB-Forum erhalten: „Wer in Basel in einem fremden Dress rumfährt, der hat nichts anderes verdient, als bla bla bla bla bla…“ Und tatsächlich steigen an jeder Haltestelle gegnerische Fans ein: Typen mit Basel-Sharks-Trikots! Hiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiilllllllllllllllfeeeeeee….