Thunfans » Spielberichte » Schweizer Cup 2007/2008 » Porrentruy - Thun
Porrentruy - Thun 0:4
16.09.2007Schweizer Cup 2007/2008


Zu sechst auf dem wilden Horrortrip Richtung Jura - es scheint ja wirklich mehr Wilde zu geben, als ich mir gedacht habe. Thun ab 10.33, Porrentruy an 13.52 - und das mit nur einmal umsteigen. Zugfahrerherz, was willst du mehr? Vielleicht noch mehr Bier und noch mehr Weisswein? Jedenfalls tröpfeln Gerüchte ein, eine noch mehr abgehärtete Reisegruppe sei schon seit halb Neun unterwegs. Aber klar, die Liebhaber des Schwarz-Weiss-Films haben schliesslich auch Courgenay als Reiseziel ausgewählt. Nur so als Tipp: Die schöne Gilberte ist mittlerweile alt und runzelig und nicht einmal eine Konkurrenz für Lydia. Ist Lydia heute überhaupt am Match?
In Bern geben vier weibliche Mitreisende bereits den Horrortrip auf und entscheiden sich spontan, die Reise über Biel fortzusetzen. Als ob so eine Stunde Reisegewinn mit mehr Lebensqualität gleichzusetzen sei. Gölä und ich fahren jedenfalls weiter Richtung Olten, legen dort eine 20-Minuten-Aperto-Pause ein und nehmen dann den 11.50-Zug Richtung Porrentruy. So weit kanns ja nicht mehr sein, wenn unsere Reiseziel bereits an der Anzeigetafel steht und bei fast jeder Durchsage erwähnt wird. Doch zuvor gibt es noch Haltestellen wie Tecknau, Gelterkinden, Sissach, Itingen, Lausen und Liestal. Hier könnte eigentlich Sanel einsteigen. Doch um 11 Uhr weist er am Telefon einen allfälligen reisefähigen Zustand weit von sich. Und um 12 Uhr nimmt er das Telefon gar nicht mehr ab. Wenn er dann um 13 Uhr endlich auf den Zug geht, reicht das bereits nicht mehr, um pünktlich um 15 Uhr in Porrentruy zu sein. Ja, selbst von Liestal aus gesehen ist Porrentruy am Arsch der Welt. Und über jenem Fan, der uns um 12 Uhr anruft und fragt, welchen Zug er in Thun (!!!) nehmen soll, können wir nur schmunzeln.
Ein erster Reisehöhepunkt ist der Halt in Frenkendorf-Füllinsdorf. Das schöne grosse Plakat auf dem Bahnhofperron weckt Heimatgefühle: «Thuner - See you soon». Zeitangaben können ja so relativ sein.
12.27 treffen wir in Basel ein, wo ich mir in Socken auf dem Perron etwas die Füsse vertrete. Ja, wir haben uns bei Sandwich, Salat und viel Bier längst häuslich gemacht im Zug, fehlt nur das Cheminée. Doch Basel hat auch seine Schockmomente. So eine Frau mit rosa Mantel und blauem Beret, die während dem 10-minütigen Halt grob geschätzte 14 Mal an uns vorbeiläuft. Gesichtsausdruck Marke irgendwie irr. Zum Glück steigt sie dann in Aesch (4. Haltestelle nach Basel) wieder aus, ich hab mich schon richtig unwohl gefühlt. Für Wohlgefühle sorgt daher «dr Christoph Chäller, ihre Lokiführer». Geht doch zu Herzen, im schönsten Baslerdeutsch zu einer schönen Bahnreise und einem noch schöneren Wochenende beglückwünscht zu werden. In Delémont dann übrigens sogar ein zweites Mal auf Französisch. Da zeigt die Bahnhofsuhr gerade 13.17 an. Mittlerweile ist der Zug zum Regionalexpress geworden, hat er doch in den 15 Minuten zwischen Laufen und Delémont kein einziges Mal gehalten. Doch die Freude kommt zu früh: Zwischen Delémont und Porrentruy reicht es locker wieder für sechs Haltestellen - und einen Liter Weisswein zu zweit.
Um 13.46 ist es dann soweit: Wir halten in Courgenay. Komisch, dass nur wir als Deutschschweizer das Gilberte-Chanson anstimmen. Ach ja, um 13.52 treffen wir dann auch in Porrentruy ein, auch als Pruntrut bekannt. Am Bahnhof gäbe es vier Buslinien und mindestens zwei Taxis. Dumm nur, dass weder der billige noch der teure öV am Wochenende fährt. So laufen wir halt nach genauester Vorbereitung (Coop - Kirche - Stadion) munter drauf los und fragen immer wieder Passanten. Das Frauen-Quartett meldet sich dagegen erst nach zwei erfolglosen Telefonversuchen. Ihre Wegbeschreibung ist eindeutig: «Geht einfach in die Richtung, in der der Zug gekommen ist», spricht Christine herrlich zweideutig. Bei einem Coop und einer Kirche sei sie nicht vorbeikommen. Interessant. Wir marschieren trotzdem unbeirrt weiter und stehen drei Minuten später vor dem Stadion. Hier gibt es Eingangskontrolle, wobei sogar Bier in Becher umgefüllt werden muss. Skandal. Herrscht hier etwa keine idyllische Cupatmosphäre mit Flaschen und Dosen mehr? Im Stadion kann ich mich schnell beruhigen. Für 11 Franken werden Weissweinflaschen verkauft. Da greift man natürlich gerne zu. Auch das Bier schmeckt - man sollte es nicht gerade den kleinen Jungs mit dem Geldsammeltuch nachschmeissen. Also hey. Solange ein Spiel nur 15 Franken Eintritt kostet, kann man doch ruhig die restlichen 20 Franken Unterschied zu einem Normaleintritt für die Juniorenkasse spenden.
Ansonsten gibt’s nichts Negatives aus Porrentruy zu berichten: Das Wetter ist toll, die Jurassier friedlich und dank Trommelgruppe sogar lautstark und der Grashügel direkt am Spielfeldrand erinnert ans die guten alten Zeiten im Lachenstadion, als Thun 1. und 2. Liga-Spiele teils hoch verloren hat. Eine solche Niederlage droht heute nicht, auch wenn Thun in der ersten Halbzeit sehr bescheiden spielt. Ich jedenfalls sehe kaum Thuner Torchancen. Nicht einmal von Iashvili. Überraschung, Überraschung. In der 25. Minute schiesst das ausgerechnet Andrist das 1:0. Soll gelten, jetzt macht Weissweintrinken noch mehr Spass.
Dann folgt das grosse Blackout. Bis in der 70. Minute habe ich keine Spielerinnerung mehr. Habe ich jetzt zu viel gesoffen oder steht es tatsächlich immer noch 1:0? Immerhin merkt Schiri Circhetta, dass das bekanntere Team anrecht auf ein Geschenk hat. In der 70. Minute gibt’s einen Penaltypfiff. Faye nimmt Anlauf und trifft. 2:0. Da stehe ich gerade mitten in einheimischen Zuschauern und ernte für mein Wiiiiihuuuuuu böse Blicke. Ihr spielt doch nur gegen einen Zweitligisten, will ein Jurassier meine Freude so gar nicht verstehen. In der 77. Minute trifft Ferreira dann die Latte und Faye im Nachschuss das Tor. 3:0. Und in der 79. Minute erhöht Scarione gar auf 4:0. Jetzt hat Thun also doch noch zehn Minuten guten Fussball gezeigt. Finde ich bei einer mehrstündigen Anfahrt der Fans durchaus angemessen.
Auf der Rückfahrt - so nebenbei, es ist übrigens beim 4:0 geblieben - bin ich übrigens im Auto unterwegs. Ich irre allerdings in meiner Annahme, auf den jurassischen Strasse finde man den Heimweg viel früher. Autobahnein- und ausfahrten sind geschlossen, rund um Biel ist der Stau kilometerlang. Porrentruy - Thun wird so auch zum drei Stunden-Trip. Typisch Cup halt. Santé!!!