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Dynamo Kiew - Thun 2-2
26.07.2005Champions League 2005/2006


Und dann, einige Sekunden vor 19.00 Ortszeit ist es also so weit. Fünf Tage nachdem Mätthu und ich zu einer strapaziösen Reise mit Zug und Car Richtung Kiew aufgebrochen sind, erleben wir tatsächlich die ersten Champions League-Momente der Thuner Vereinsgeschichte. Okay, die Champions League-Hymne ertönt hier im Dynamo-Stadion nicht, es ist ja „nur“ ein Champions League-Qualifikationsspiel. Für uns ist es trotzdem ein fantastischer Augenblick. Eine ganze Gruppe Thunfans sitzt im Stadion. Oder besser gesagt: Eine ganze Reihe Thunfans hat den Weg ins 1750 Kilometer entfernte Dynamo-Stadion gefunden. Wir stehen dummerweise nämlich nicht in einem eigenen Gästesektor, sondern sitzen brav aneinandergereiht in Reihe 10 auf der Haupttribüne. Aber bei tollen Aktionen werden wir dann schon aufspringen, das haben wir uns geschworen. Immerhin konnten wir unsere Zaunfahnen vor der Hauptribüne aufhängen. „Aebikurve“, „Fly Agaric Supporters“ und „Suomi Thun“ sind bestens bewacht durch Sicherheitskräfte.
Unsere ersten Anfeuerungsrufe bleiben uns regelrecht im Hals stecken. In den Startminuten spielt nämlich nur Dynamo – und wie! Fast ununterbrochen rennen sie gegen das Thun-Tor an, der Ball kommt im Minutentakt in den Strafraum. Selbst Deumi wird Mal für Mal von seinem Gegenspieler überlaufen. Die „16“ von Dynamo, der Herr Schazkich, ist schlichtweg sackstark. „Traumfussball einer europäischen Spitzenmannschaft“, sage ich. „Ideenlose Taktik“, meint dagegen Michu. Fussballzauber sähe anders aus.
Nun, jedenfalls geht Dynamo in der 19. Minute durch einen Schuss von Gusew in Führung – zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die Thuner auch über drei Gegentore nicht beklagen dürften. Der Beginn eines Dynamo-Torreigens?
Nein! Dynamo zieht sich plötzlich in die eigene Hälfte zurück. Wohl weniger aus taktischen Überlegungen, sondern weil die Mannschaft das eigene hohe Tempo nicht mehr weiter halten kann. Erste Spieler wirken ausgepumpt, müde. Dabei ist das Spiel doch erst 20 Minuten lang. Hat sich da Dynamo überschätzt? Oder haben sie vielmehr Thun unterschätzt, geglaubt, in 20 Minuten sei so ein Spiel einfach zu entscheiden?
Thun gewinnt nun die Duelle im Mittelfeld. Die Thuner sorgen nun in der gegnerischen Platzhälfte für gefährliche Situationen. Klar, die Ballannahmen sind nie so perfekt wie auf der Gegenseite, aber das liegt auch daran, dass die gegnerische Hintermannschaft gut steht. Kann man sie überhaupt bezwingen?
Ja, man kann! Oder besser gesagt: Nach einem geradezu harmlosen Lustrinneli-Schüsschen tricksen sich die Dynamo-Spieler gleich selber aus. Irgendwie flutscht der Ball tatsächlich an Verteidiger und Goalie vorbei. Und plötzlich stockt den 18'000 Zuschauern im ausverkauften Stadion der Atem: 1-1! Und auf der Tribüne hopsen 27 wild gewordene Thunfans herum.
Der Schock bei den Einheimischen sitzt tief. Es dauert lange, bis das nächste „Dynamo! Dynamo!“ ertönt. Auch an eine Welle ist jetzt vorläufig nicht mehr zu denken. Doch die ruhige Atmosphäre dauert leider viel zu kurz, in der 44. Minute erzielt Schazkich das 2-1. Damit führt Kiew wieder, dummerweise auch gerade genau vor der Pause.

In der Pause bleiben wir in unserer Reihe. Dies nicht unbedingt aus Sicherheitsbedenken, wie überall in der Stadt sind auch die Ukrainier im Stadion nett und immer für einen witzigen Englisch-Deutsch-Kauderwelschschwatz zu haben. Aber im ganzen Stadion gibt es weder Essen, noch Trinken! Da können wir froh sein, zerren wir innerlich noch von unseren Wodka- und Biergenüssen von Sonntag, Montag und heute Dienstag. Was haben wir gesoffen. Aber all die Trinkgelage dienten natürlich auch der Völkerverständigung. Montagabend und Dienstagnachmittag waren wir mit den Jungs von der Plauschmannschaft vom FC Woods Kiew unterwegs. Eigentlich wollten sie ja mit uns Fussball spielen, was mangels talentierten Thunfans halt nicht möglich war. Aber auch gemeinsames Trinken kann fägig und spassig sein. Und in der dank ihnen entdeckte ukraelische Gaststätte gab es so gutes Essen – einfach tolle Stunden in einem überhaupt durch und durch gelungenen Kiew-Aufenthalt.

Vielleicht bis auf jenen Moment, als ein weiterer Fan und ich fast von drei Polizisten abgeführt worden wären. Man merke: Pinkeln gegen eine Hecke ist schlimm. Und noch schlimmer ist es, wenn ein Polizeiwagen direkt hinter einem hält und dich dabei ertappt. Grosser Dank an Stuffi, der in 20 Minuten in seinem Anwaltsenglisch so viele Male Wörter wie „sorry“ verwendete, dass wir beiden Heckenschänder doch noch die Nacht im Hotel und nicht im Knast verbringen musste. Wobei… der andere Fan lag im Bett, ich bloss auf dem Boden in Amadors Zimmer.

Womit halt doch noch ein Wort zu Mätthus Reiseleitertalent gesagt werden muss: Während die Idee mit der Carreise von Karlsruhe nach Kiew trotz 40 Stunden-Fahrt pro Weg (dies jeweils innert mehrstündigen Warten an den einzelnen Grenzübergängen) sich als billig-genial erweist, entpuppen sich die ausgesuchten Schlafstätten immer wieder als Flopps. So sieht uns beispielsweise in Karlsruhe die Besitzerin der Bierbrauerei Kühler Krug entsetzt an, als wir sie mit unserem Gepäck begrüssen. Trotz zweimal bestätigter Zimmereservierung will sie gar nichts von zwei Schlafgästen namens Mäder und Engel wissen. „Wir sind leider völlig ausgebucht!“ Immerhin rettet sie die unglückliche Situation, in dem sie uns erst einmal zu Gratisbier einlädt, dann ein anderes, teueres Hotelzimmer bucht und uns den Aufpreis bezahlt. Und schliesslich bestellt und bezahlt sie uns auch noch ein Taxi. Was eine gute Idee ist, sind wir doch keine halbe Stunde vorher ohne Tramtickets in eine Fahrscheinkontrolle geraten, die wir nur dank viel Touristenbonus ohne Bussgeldbezahlung verlassen durften.

Ähnlich das Bild in Kiew. Erst fehlt nach Ankunft des Cars das versprochene Auto der Herbergeleute bei der Busstation, weshalb wir sogleich von zwei besoffenen Halbwüchsigen belästigt werden. Zwei wunderschöne ukraelische Mitpassagiere retten uns dann mit erbosten russischen Worte vor einem möglichen Zweikampf, bevor dann endlich das Herbergeduo aufkreuzt. „Sorry, we have to drive you to another hostel.“ Mit 100 hetzen wir dann also in einem nicht 100 prozentig-fahrtüchtigen Lada durch die (zum Glück) leeren Kiew-Strassen. Schliesslich halten wir in einem abgelegenen Aussenquartier, dass Tage später nicht einmal ein erfahrener Taxifahrer wird finden können, und stehen vor einem verschlossenen Tor. Samt Gepäck quetschen wir uns dann durch zwei verbogene Stangen hindurch, um nach einem zehnminütigen Berg auf-Marsch durch die Dunkelheit in einem baufälligen Gebäude unsere Zimmerschlüssel zu bekommen. Dieses Mal sind die Zimmer billiger als in der eigentlich ausgewählten Herberge. Doch weil diese nun überhaupt nicht im Zentrum liegt und auch wenig bewohnt ist, übernachten 1. Mätthu und ich nach dem Montagabendausflug auf harten Hotelböden, bezahlen wir beide 2. am Dienstagabend 65 ukraelische Geldscheine einem irren Taxifahrer und haben wir 3. auch nie ein Morgenessen. Was haben es da die Hotel Ruz-Thunfans besser, die wenigsten das Morgenessen aus eigenem Willen verschlafen können.

Ach ja… als sich der Car auf der Rückreise um etwa 4 Stunden verspätet, müssen wir in Karlsruhe noch kurzfristig unser Hotelzimmer umbuchen, da das Ersatz-Hotel von der Hinreise jeweils schon um 21.00 die Rezeption schliesst. So wird das Hotel Greiff zum Ersatz-Ersatz-Hotel – für 78 Euro für unsere letzte Nacht im Ausland. Doch auch wenn dieser weitere Aufpreis nun niemand mehr übernimmt, hauptsache ich kann nach all den nahezu schlaflosen Kiew- und Carnächten endlich wieder einmal pennen.

Können sich all diese Strapazen lohnen? Viel hängt natürlich vom Spiel ab. Und zu Beginn der zweiten Halbzeit ist der Ausgang ja noch ungewiss, auch wenn ein Dynamo-Sieg weit wahrscheinlicher ist. Doch irgendwie ist bei Dynamo nun der Wurm drin, Thun ist nach Wiederanpfiff die bessere Mannschaft. Schön sind nun die Thuner Spielzüge, ein selber erkämpftes Tor scheint nun möglich. Und tatsächlich: In der 66. Minute erzielt Aegerter den Ausgleich. Kiew-Thun 2-2. Herrlich!
Was folgt ist eine atemberaubende Schlussphase. Nach einigen Auswechslungen erhöht Dynamo nun wieder das Tempo. Der Druck auf Thun-Goalie Jakupovic scheint nun unaushaltbar zu werden. Schüsse von links, von recht, direkt per Freistoss aus der Mitte. Mehrmals springen die Dynamo-Fans vor uns hoch, einmal jubelt gar mit Ausnahme von uns die ganze Tribüne über ein vermeintliches Tor. Doch der Ball will und will nicht rein. Mal schiessen die Dynamo-Stürmer viel zu schlecht, mal pariert Jakupovic die grössten Chance. Er wird an diesem Abend zum Held von Kiew.
Kurz bevor die regulären 90 Minuten abgelaufen sind, gibt sich die Dynamo-Mannschaft auf. Während den letzten Spielminuten zieht sie sich zurück und sieht sich mit Pfiffen der eigenen Fans konfrontiert. Wir Thuner dagegen feiern unsere Mannschaft, erst recht nach Spielschluss. Nach einigem Souvenirtausch – ich tausche beispielsweise eine Schweizer Fahne gegen einen Ukraine-Hut, während Marco 20 Dollar gegen eine Originalpolizistenmütze eintauscht – laufen wir von einigen Polizisten begleitet quer durch die halbe Innenstadt in ein irisches Pub. Gemeinsam mit den FC Woods-Jungs wird nun die halbe Nacht gefeiert. Auch das sind unvergessliche Champions League-Momente.

Matthias Engel